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New Learning in der sozialen Arbeit

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Beim Blick auf Lernen sind (mindestens) zwei Ebenen wichtig: die individuelle Ebene ebenso wie die organisationale Ebene (inkl. Ebene der Teams) des Lernens. Und gerade in der Sozialen Arbeit und in sozialen Organisationen sind wir darauf angewiesen, in Zeiten der Veränderung (VUCA-Blabla…) dringend neu, anders und weiter zu lernen. Hier kommt „New Learning“ ins Spiel, denn:

Das Lernen im Kontext von Dynamik und Komplexität funktioniert schon lange nicht mehr wie das aus Schule und Studium bekannte Lernen. Organisationales und individuelles Lernen wandelt sich radikal.

Aber der Reihe nach:

Im Beitrag erfährst du, was New Learning ausmacht, warum New Learning auch für Menschen in und für soziale Organisationen als Ganzes wichtig ist und wie Du (erste) konkrete Ansätze von New Learning für Dich und in Deiner Organisation umsetzen kannst.

Studien zur Situation der Personalentwicklung in Organisationen der Sozialen Arbeit sind spärlich gesät. Konkret die Frage, wie Lernen in unserer Branche stattfindet, welche Programme angeboten werden und welche Wirkungen was hat (auch wenn das nicht ganz einfach zu erfassen ist) lässt sich kaum beantworten. Das hat viele Gründe.

Eine sehr allgemein gehaltene These lautet, dass „Lernen“ in sozialen Organisationen nicht unbedingt einen großen Stellenwert hat. Stefan Gesmann von der FH Münster schreibt schon 2014, dass „die betriebliche Weiterbildung in Einrichtungen der Sozialen Arbeit oftmals nur unzureichend in das Managementhandeln von Leitungskräften eingebunden ist“. Und gemeinsam mit Berthold Dietz von der EH Freiburg habe ich beschrieben, „warum wir verpflichtende Weiterbildung in der Sozialen Arbeit“ brauchen.

Kurz: Hier ist viel Luft nach oben und einiges an Forschung und Entwicklung vonnöten.

Was ist New Learning?

Ich habe das Buch „New Work braucht New Learning – Eine Perspektivreise durch die Transformation unserer Organisations- und Lernwelten“ von Jan Foelsing und Anja Schmitz gelesen.

Falls Du Dich näher für das Buch oder meinen Eindruck zum Buch interessierst, findest Du hier eine ausführlichere Rezension auf dem Blog (und hier bei socialnet.de). Jedenfalls beziehe ich mich inhaltlich bei vielen Aspekten auf das Buch und ergänze die Ideen um spezifische Fragestellungen sozialer Arbeit und sozialer Organisationen.

Der Ansatz „New Learning“ versucht, die Herausforderungen der Veränderungen der Arbeitswelt und die Prinzipien von New Work (darauf ließe sich wiederum vertieft eingehen) mit der Frage zu kombinieren, wie wir als Individuen und als Organisationen jetzt und in Zukunft sinnvoll lernen.

Dabei steht ein Wechsel von tayloristisch geprägten, top-down organisierten und vorgegebenen Lernsettings hin zu zu bedürfnisorientierten, dynamik-komplexitätsrobusten, kollaborativen Lernökosystemen an, so die Autor*innen des Buchs. Lernen wird damit ein möglichst aktiver und sozialer Prozess, der bedürfnis- oder problemorientiert an echte Herausforderungen gebunden ist. Ziel ist, eine echte Verhaltensänderung herbeizuführen (vgl. ebd., 107).

Aktiv und sozial sind die wesentliche Stichworte:

Aktiv bedeutet, dass New Learning selbst gesteuert ist und sozial bedeutet, dass Lernen eingebunden in unterschiedlichste Netzwerke erfolgt. Hier liegen die wesentlichen Unterschiede zum „old learning“, wenn man diesen Begriff bemühen will:

Old learning basiert auf vorgegebenen, oftmals durch die eigene Organisation strukturierten Lernsettings. Diese von der Organisation angepriesenen „Fortbildungskataloge“, in denen Angebote aufgeführt sind, die niemand bucht, kennt wahrscheinlich jede*r von Euch, oder? Und wenn die Angebote gebucht werden, geht es vornehmlich um die Pausen, in denen man Menschen trifft, die man schon lange nicht mehr gesehen hat.

New Learning hingegen basiert auf der selbstgesteuerten, autonomen Gestaltung der eigenen Lernsettings wie auch der benötigten Lerninhalte. Und das Ganze findet dann eben noch eingebunden in analoge, hybride und/oder rein digitale Netzwerke statt.

Für mich ist das im Übrigen einer der wesentlichen Gründe, in den sozialen Medien aktiv zu sein:

Hier leben meine ganz individuellen Lernplattformen, meine Netzwerke und Communities (dickes Danke an dieser Stelle). Dabei geht es viel weniger um das reine Nutzen der Inhalte und Ideen der dort aktiven und weniger aktiven Menschen. Es geht um die co-kreative Gestaltung von neuen Ideen.

So kreiere ich meine Lernprozesse orientiert an meinen Bedarfen basierend auf unterschiedlichen Methoden als „Remix vielfältiger interner und externer Inhalte sowie im Austausch und co-Kreation mit [m]einen Learning Peers, selbst.“ (ebd., 108).

An dieser Stelle will ich nicht tiefer auf die neuen Lernmethoden eingehen, die genutzt werden können, um Kompetenzen für die Zukunft, sog. Future Skills, zu generieren. Es würde ausufern, hier Methoden von Working out loud #WOL über ambidextres Lernen bis hin zu Value-creation oriented Learning (VOL) zu beschreiben. Diese Methoden lassen sich bspw. im genannten Buch oder im Netz finden.

Wichtiger ist mir die Betonung, dass effektives Lernen von Individuen wie von Organisationen heute schon und in der Zukunft verstärkt zum einen zum zentralen Wettbewerbsvorteil wird (vgl. ebd., 160).

Zum anderen aber, und das finde ich noch relevanter, brauchen wir neue Lösungen für die gesamtgesellschaftlichen und auch globalen Herausforderungen der Zukunft. Diese Lösungen können wir nur durch Innovationen auf allen Ebenen und damit durch gemeinsames Neu- und Anders-Lernen gestalten, die, wie Scharmer schreibt, „die Fähigkeit zum gemeinsamen Spüren und zur gemeinsamen Gestaltung der Zukunft aufbauen“ (hier).

Auswirkungen von New Learning auf soziale Organisationen

Gibt es strukturierte Lernmöglichkeiten in Deiner Organisation?

Falls dem so ist, arbeitest du in einer Einrichtung, die nicht dem Standard entspricht. So lässt sich zwar konstatieren, dass soziale Organisationen, Non-Profits oder auch Organisationen der Sozialen Arbeit sehr personalintensiv sind, da die Leistungserbringung fast immer auf interpersonellen Austauschprozessen basiert.

Daraus folgt, dass die Menschen in den Organisationen wichtigste Ressource zur Wertschöpfung und gleichzeitig größter Kostenfaktor sind. Hinzu kommt, dass der Fachkräftemangel in einigen Arbeitsfeldern sozialer Arbeit existenzbedrohende Ausmaße annimmt.

Gerade unter diesen Bedingungen wäre es mehr als notwendig, effizient und effektiv, wenn Menschen ihre Kompetenzen bestmöglich einsetzen könnten. Denn die Mitarbeiter*innen sozialer Organisationen sind *die* strategisch wichtige, unverzichtbare Ressource (wenn man das so nennen will) zur Erreichung der Wertschöpfung der Organisationen (vgl. näher bspw. Englert, B. 2019, Personalmanagement in Nonprofit-Organisationen, S. 1).

Allein vor dem Hintergrund dieser minimalen Skizze ist es verwunderlich, dass der Personalentwicklung bislang so wenig Raum in sozialen Organisationen eingeräumt wird. Ja, I know, es ist keine Zeit und kein Geld da, aber der Waldarbeiter mit seiner ungeschärften Säge sollte uns warnendes Beispiel sein.

Mehr noch aber können Ansätze des New Learnings helfen, Lernen und Entwicklung und damit Innovation gerade in den hoch komplexen und anspruchsvollen Arbeitsbedingungen sozialer Arbeit unter Bedingungen begrenzter Ressourcen zu realisieren.

So geht es bei New Learning – der obigen Definition folgend – um das bedürfnis- und problemorientierte, selbstbestimmte Lernen, das an echte Herausforderungen gebunden ist. Beim New Learning geht es nicht mehr um die langweilige Weiterbildung, die in einem muffligen Keller-Raum der 60er Jahre („Das ist unser neues Innovation Lab, Steve Jobs hat auch so angefangen…“) verpflichtend abgehalten wird.

Es geht um die Frage, wer was – welche Inhalte, welche Verbindungen, welche Kontakte, welches Wissen, welche Ideen – zu welchem Zeitpunkt wofür braucht. Damit rücken gießkannenartige Weiterbildungskonzepte in den Hintergrund. Dem spezifischen, Problem-orientierten, individuellen Weg wird Vorrang eingeräumt.

Konkret ist dann nicht mehr der Master-Studiengang XY für die angehende Führungskraft sinnvoll, um „einmalig alles“ zum Thema zu erfahren, sondern peu a peu werden über ausgewählte Learn-Nuggets oder Micro-Learnings die für die neue Aufgabe wirklich benötigten Kompetenzen erworben.

Dieses Lernen erfolgt während bzw. parallel zur Arbeit und schont damit auch die Ressourcen, die sonst für ein langwieriges Bildungsprogramm aufgewendet worden wären (ich komme unten noch mal dazu, warum trotz aller Veränderung die traditionellen Programme ihre Berechtigung haben).

Wichtig im New Learning sind demzufolge zwei Dinge:

a) Es braucht eine grundlegende Kompetenz, selbstbestimmt und autonom lernen zu können (und zu wollen).

Und b) braucht es „Content Curation“, also die Aufbereitung und Zusammenstellung der unüberschaubaren Menge von (meist) frei verfügbaren Inhalten und die Begleitung der Menschen durch diese neuen Lernwelten.

Aus diesen beiden Aspekten folgt dann eine c) „New Learning Culture„, also eine Kultur, in der Lernen im Zentrum steht.

Kompetenz, selbstbestimmt zu lernen

Bei Punkt a) sehe ich einige Herausforderungen. So bereitet unser Bildungssystem im Kern nicht auf das selbstbestimmte, autonome Lernen vor, sondern verfolgt – verkürzt ausgedrückt – Prinzipien und Mechanismen, die vorhandenes Wissen in standardisierte und damit abprüfbare Einheiten unterteilen.

Hier sind wirklich gute Ansätze erkennbar, die jedoch vornehmlich von einzelnen, engagierten Menschen aus dem Bildungsbereich vorangetrieben werden. Systematische Veränderungen lassen – trotz Corona, Home-Schooling, Distance Learning… – seit etwa 60 Jahren auf sich warten. Das Bologna-System der Hochschulen hat übrigens nicht dazu beigetragen, hier auf akademischer Seite zeitgemäße Veränderungen herbeizuführen. Kurz: Lernen lernen muss man selbst lernen. Da ist viel Bedarf.

Content Creation

Und Punkt b) – Content Creation – ist in unserem Feld (ebenso wie in den meisten anderen Feldern) Neuland. Welches sind die „guten“ Inhalte, die Hand und Fuß haben? Wie komme ich daran, um meinen Bedarf jetzt zu decken? Warum ist es vielleicht nicht nur klug, meine Frage zum Thema XY in eine Facebook-Gruppe zu stellen? Wo kann man sonst noch schauen, um tiergehende Inhalte zu finden, die jetzt weiterhelfen? Wie baut man (s)eine Learning Community in und außerhalb der Organisation auf?

Diese und mehr Fragen sind oftmals unklar. Und gerade deshalb sind sie so wichtig – auch für die Soziale Arbeit.

Und noch einmal zu den Auswirkungen von New Learning (oder wie auch immer man das nennt…) auf soziale Organisationen insgesamt:

New Learning Culture

Ich bin davon überzeugt, dass sich für soziale Organisationen, die sich heute mit Fragen des Lernens von Morgen befassen und damit an ihrer eigenen Lernkultur arbeiten, enorme Wettbewerbsvorteile im Kampf um die besten Fachkräfte, vor allem aber echte Vorteile für ihre Klient*innen ergeben. Jan Foelsing und Anja Schmitz sprechen im Buch „New Learning“ von einer „New Learning Culture“, die sich zusammenfassend dadurch auszeichnet, dass

  • dem Lernen ein hoher Stellenwert beigemessen wird, .
  • kontinuierliches individuelles, team- und netzwerkorientiertes Lernen als zentral erachtet wird, um die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der anstehenden Veränderungen bewältigen zu können und
  • Lernen hierbei als Basis für die nachhaltige Anpassungs-, Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Organisation gesehen wird (vgl. ebd., 198).

Cool wäre manchmal wohl schon eine Learning Culture, ohne New…

Erste Schritte im New Learning, die Du direkt umsetzen kannst!

New Learning ist bzw. die Ideen hinter dem, wie wir in unseren Organisationen zukünftig mit Lernen umgehen werden, sind enorm umfangreich, komplex und vielfältig:

Vom Individuum angefangen über das Lernen im Team bis zur Organisation und den auf die Organisation einströmenden technologischen und gesellschaftlichen Anforderungen durch die Umwelt, in die die Organisation eingebunden ist, wird deutlich, dass neues Lernen ganzheitlich zu betrachten ist.

Das ist einerseits super, da auf unterschiedlichen Ebenen angesetzt werden kann und Erfolge zu erzielen sind.

Andererseits ist es aber auch abschreckend, da überhaupt nicht klar ist, wo denn der beste „Hebel“ ist, an dem angesetzt werden kann. Das kann zum Erstarren oder dazu führen, einfach mal lieber nichts zu machen…

Und wo sind vor allem die Hebel, an denen Du „einfach“ ansetzen kannst, um weiter zu kommen?

Dazu hier ein paar Ideen:

Vision gestalten

Muhahaha…. Kleiner Schritt und wir beginnen wieder bei der Vision – also ganz oben?

Ja, aber mein Verständnis hier ist, dass Du die Vision auf alle angesprochenen Ebenen anwenden kannst: Auf die Organisation, Deine Abteilung und Dein Team und auf Dich selbst: Die Grundfrage lautet demnach:

  • Wo willst Du (aka Dein Team, Abteilung, Organisation) hin?
  • Wozu willst Du dich mit neuem Lernen beschäftigen?

Die Antworten darauf können sehr klein sein, aber das ist völlig passend: Die Intention, mit (neuem) Lernen zu beginnen, zählt – für Dich, Dein Team und Deine Organisation.

Exploitatives Lernen, oder: Herausforderungen identifizieren

Wo drückt der Schuh (wirklich)?

Die transparente Darlegung der aktuellen Herausforderungen, denen Du in der Arbeit auf individueller Ebene, auf Ebene der Teams und Abteilungen oder der Gesamtorganisation begegnest, zeigt Dir, wo wirklich Lernen angesagt ist, um zu neuen Ideen und Lösungen zu kommen.

Wenn klar ist, wo die Herausforderungen liegen, kannst Du Dich auf die Suche nach passenden Lern-Lösungen (vom YouTube-Video über Bücher, moocs und Blogs bis hin zu ganzen OE-Maßnahmen) machen.

Dieses Lernen lässt sich als „exploitatives Lernen“ definieren: „Exploitatives Lernen zielt auf Verbesserung der eigenen Kompetenzen, ihre möglichst effiziente Anwendung, sowie die Erweiterung, Verfeinerung oder Vertiefung von bereits bestehendem Wissen und Kompetenzen (…). Es geht also darum, die eigene Leistung im bestehenden Kontext möglichst schnell und kontinuierlich zu erhöhen, um die momentanen Aufgaben effizienter erledigen zu können“ (ebd., 111).

Lernen geschieht hier in der Absicht, bestimmte Lösungen zu generieren: Du hast ein Problem in Deinem aktuellen Arbeitskontext? Du brauchst eine Lösung in Deinem aktuellen Arbeitskontext!

Exploratives Lernen, oder: Lernen ohne Lösung

Was aber ist mit Lernen, das wirklich grundlegend Neues hervorbringt? Hier spricht man von „explorativem“, also dem entdeckenden Lernen: „Exploratives Lernen bezieht sich (…) auf die Erkundung von und das Experimentieren mit ungewohnten Kontexten und Fachgebieten, das Verlernen von Gewohntem, das sich Einlassen auf bisher „undenkbare“ Perspektiven, d. h. auf Lernen außerhalb der aktuellen Wissensdomänen. Dazu gehören Verhaltensweisen, wie z.B. suchen, variieren, experimentieren, spielen, oder entdecken, die ein tieferes Lernen ermöglichen“ (ebd.).

Die Herausforderung explorativen Lernens besteht darin, dass es nicht unmittelbar „nutzbar“ ist und trotzdem enorme Relevanz hat:

Ohne neue Ideen, ohne Innovation und wirkliche Entwicklung wird jede Organisation früher oder später in Schieflache geraten. Und trotzdem ist es nicht einfach, gegenüber Vorgesetzten die Notwendigkeit explorativen Lernens zu begründen.

Manche Arbeitgeber stellen ihren Mitarbeiter:innen 10% der Arbeitszeit zur vollkommen freien Verfügung bereit. In dieser Zeit können sich die Mitarbeiter:innen mit was auch immer beschäftigen und weiterbilden. Das sind optimale Bedingungen, um exploratives Lernen zu ermöglichen.

Deine Lernformate finden

Was sind Deine Lernformate? Diese Frage klingt trivial, ist aber mehr als wichtig: Bislang definierten wir Lernen in und für unsere Arbeitswelt und damit „Corporate Learning“ meist als staubig, trocken und in irgendwelchen Tagungshotels stattfindend – Wasser, Kaffee und Butterbrezeln inklusive.

Wenn „New Learning“ aber – wie oben definiert – ein möglichst aktiver und sozialer Prozess ist, der anhand Deiner Bedürfnisse bzw. Probleme echte Herausforderungen lösen will, ist es unabdingbar, dass Du Lernen für Dich in Deinen Formaten definierst. Die Formate können dabei komplett vielfältig sein:

  • Blogs,
  • Videos,
  • Social Media,
  • Podcasts,
  • Barcamps,
  • Bücher,
  • Online-Kurse,
  • Coachings,
  • klassische Weiterbildungen,
  • Formate wie Working out loud und ähnliche,

Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, flexibel und oftmals enorm kostengünstig. Was sind aber die für Dich geeigneten Formate, damit Du für Dich wirklich weiterkommst? Womit gelingt es Dir am Besten, Dein Bedürfnis bestmöglich zu erfüllen?

Die Beantwortung der Fragen setzt voraus, dass man sich mit diesen Themen befasst. Darin sehe ich leider ein immer noch großes Problem auch und gerade sozialer Berufe: Nein, nach dem Studium bist Du nicht „fertig“ mit Deiner Ausbildung. Ja, Du kannst immer noch Lernen und Dich verändern. Das musst Du aber wollen. Und – das ist die andere Seite – Du musst es (in Bezug auf Dein Arbeitsleben) dürfen. Deine Organisation muss Lernen aktiv zulassen. Leider ist auch das, wie schon gesagt, immer noch eine echte Herausforderung.

Fazit: New Learning ist (d)eine neue Welt

Es gibt noch drölfzig weitere Ansatzpunkte, „Dein“ und „Euer“ New Learning zu finden. Nicht berücksichtigt ist bspw. die Frage, welche technischen Voraussetzungen, aber auch welche technischen Unterstützungsmöglichkeiten denkbar und sinnvoll sind.

So ist dieser Beitrag in seiner ersten Fassung vor „ChatGPT“ entstanden. Die mit den LLMs einhergehenden Möglichkeiten für die Gestaltung von Lernen und Weiterbildung sind enorm.

New Learning ist – wie New Work – kein Programm, kein Rezept, nicht ein-, sondern vieldimensional und hochgradig spannend.

Denn eins ist sicher: Lernen verändert sich massiv. Dabei ist es ganz egal, ob Du jetzt den Begriff magst oder nutzt oder nicht.

Diese Veränderung ist aus meiner Sicht definitiv zu begrüßen:

Wenn Autonomie und Selbstbestimmung nicht nur als Prämissen für New Work, sondern auch als Prämissen für New Learning, also das Lernen der Zukunft, fungieren, kann es nur gut werden.

Lernen bedeutet dann nicht mehr, sich einmalig und verpflichtend oben Wissen reinzustopfen, das von außen aufbereitet und vorgegeben und noch abgeprüft und wieder vergessen wurde.

New Learning ist emotional, interessen- und fähigkeitengeleitet, an individuellen Anforderungen und Bedarfen orientiert. Das war (echtes) Lernen zwar schon immer, aber angesichts unserer Herausforderungen wird immer deutlicher, dass es klassisch nicht mehr geht. Somit:

Such Dir Netzwerke und Unterstützung und begib Dich auf Deinen Weg hin zum New Learning.

Aber, und das ist mir abschließend mit Blick auf soziale Organisationen wichtig:

Wir sehen eine Menge Menschen, die nicht „gelernt“ haben, wie sie neu Lernen können. Gerade in sozialen Organisationen haben wir es in vielen Fällen mit Menschen zu tun, die extrem negative Schul- und Lernerfahrungen gesammelt haben, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind und die ganz grundlegende Schwierigkeiten in der Gestaltung des Lebens nach „unserer Normalität“ haben.

Soziale Organisationen sind dafür da, Menschen in ihrer Autonomie und Selbstbestimmung zu unterstützen (vgl. Definition Sozialer Arbeit). Um dies auch auf Ebene des Lernens gewährleisten zu können, sind wir – die Professionellen in der Sozialen Arbeit – verpflichtet, uns mit neuen Wegen des Lernens zu befassen. Nur so kann es gelingen, die Klient*innen auf ihren „New Learning Wegen“ zu begleiten.

Ach, und noch was: Vielleicht sind die Lernwege der Klient *innen viel näher am New Learning als das, was wir mit unserer professionellen Brille als „richtig“ empfinden?


Dieser Beitrag ist für die „Blogparade I/V: #NewLearning – was kann „Radikal Neu“ jetzt auch für das LERNEN bedeuten?“ leicht überarbeitet und aktualisiert worden. Deswegen: #NewLearning / #NextLearning 😉

Vor New Pay in der Sozialwirtschaft kommt New Anerkennung! Ein paar Gedanken…

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Der folgende Beitrag bezieht sich auf die Blogparade New Pay, die von Nadine Nobile, Stefanie Hornung und Sven Franke initiiert wurde.

Die Drei stellen verschiedene, mehr als spannende Fragen, die sich um das Thema Gehalt, Geld, Bezahlung, Anreize und vieles mehr in einer neuen Arbeitswelt drehen. Ich habe lange überlegt, wie ich die Fragestellungen im Kontext der Sozialwirtschaft aufgreifen kann, habe dazu bereits einen Beitrag geschrieben und lieber nicht veröffentlicht und will jetzt hiermit versuchen, zumindest einige Gedankengänge aus der Perspektive der Sozialwirtschaft mit einzubringen.

Warum aber fällt es mir so schwer, das Thema New Pay in Bezug auf die Sozialwirtschaft zu bearbeiten? 

Coworking als Innovationsraum zur Steigerung der Innovationsfähigkeit sozialer Organisationen

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Irgendwie fasziniert mich dieses „Coworking“ ja. Die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit anderen, motivierten, engagierten Menschen, die Wege beschreiten , die (noch) nicht zum Normalen unserer Arbeitswelt gehören. Soloselbständige, Webentwickler, StartUps, zusammen an einem Ort, mit dem Zweck der Vernetzung und dem gegenseitigen Befruchten neuer, guter Ideen.

Die Frage ist, ob und inwieweit die Möglichkeiten des Coworkings auf die „klassische“ Soziale Arbeit übertragen werden können? (zum Unterschied zwischen klassischer Sozialer Arbeit und Social Entrepreneurship könnt Ihr hier einen kleinen Beitrag lesen).

Rezension: „Gute Arbeit“ von Marion King

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Das Buch „Gute Arbeit“ von Marion King ist mehr als eine Anleitung zur Verbesserung der Arbeitswelt; es ist ein leidenschaftlicher Appell an alle, die ihre berufliche und persönliche Selbstwirksamkeit entdecken und ausbauen wollen. Das Buch verbindet fundierte Theorie mit einer Fülle persönlicher Erfahrungen und Erkenntnisse der Autorin. King versteht es meisterhaft, den Leser mit humorvollen, berührenden und klugen Beobachtungen durch die Geschichte der Arbeit und in die Zukunft zu führen. Dabei gelingt es ihr, die oft abstrakten Konzepte von „New Work“ greifbar und praxisnah darzustellen.

Gliederung des Buches: Ein Blick auf die Struktur

Das Buch „Gute Arbeit“ von Marion King ist klar und übersichtlich gegliedert, was es dem Leser leicht macht, dem roten Faden zu folgen und die einzelnen Themen zu vertiefen. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt die Tiefe und Vielfalt der behandelten Aspekte:

  1. Das Vorwort: Marion King beginnt ihr Buch mit einer philosophischen Einführung von Natalie Knapp, die den Leser dazu anregt, sich seiner eigenen Macht und Wirksamkeit bewusst zu werden. Der Ton ist motivierend und gibt den Rahmen für die folgenden Kapitel vor.
  2. Der Zustand der Arbeit: In diesem einleitenden Kapitel beschreibt King aus verschiedenen Perspektiven, wie sich die heutige Arbeitswelt darstellt. Sie beleuchtet die Sicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, der Organisationen und der Führungskräfte und macht deutlich, dass zwischen Erwartungen und Realität oft eine Lücke klafft. Das Kapitel „Wer jammert, hat noch Reserven“ weist auf humorvolle Weise auf das Potenzial hin, das in scheinbar schwierigen Arbeitssituationen steckt.
  3. Alte Arbeit: Dieses Kapitel führt den Leser tief in die historische Entwicklung der Arbeitswelt. King beleuchtet die Ursprünge moderner Arbeitsprinzipien, angefangen bei Pionieren wie Taylor, Fayol und Ford. Sie analysiert kritisch, wie die industriellen Revolutionen die Arbeitswelt geprägt haben und welche der alten Paradigmen bis heute überlebt haben. Das Kapitel „Taylor meets IT“ beschreibt die digitale Transformation und die damit verbundenen Herausforderungen.
  4. Neue Arbeit: In diesem Teil widmet sich King der modernen Arbeitswelt, dem Konzept „New Work“ und den damit verbundenen Mythen. Sie beschreibt, wie die Bewegung durch Frithjof Bergmann an Popularität gewann und bietet eine differenzierte Sicht auf die oft idealisierte Vorstellung dieser neuen Arbeit. Echte „Gute Arbeit“, so King, entsteht nicht durch Schlagworte, sondern durch einen echten Wandel von Strukturen in Organisationen, die dann auch zu einer anderen Haltung führen (können).
  5. Machen: Der praxisorientierte Teil des Buches motiviert zum Handeln. King zeigt zwölf „gute“ Gründe auf, warum Veränderungen oft scheitern, und gibt Hinweise, wie diese Hürden überwunden werden können. Besonders inspirierend ist das Kapitel „Neue Arbeit selbst machen“, in dem die Autorin konkrete Methoden und Beispiele für Selbstwirksamkeit vorstellt. Hier geht es um den Mut, aus vorgefertigten Strukturen auszubrechen und aktiv neue Wege zu gehen. King betont, dass dieser Prozess nicht ohne Geduld und Ausdauer geht, was sie im Kapitel „Über Geduld“ aufgreift.
  6. Inspirationen: In den abschließenden Kapiteln geht King auf gesellschaftliche Veränderungen ein, die eng mit dem Wandel der Arbeitswelt verbunden sind. Sie spricht von „New Masculinity“ und „New (Generation) Female“ und zeigt auf, wie feministische Prinzipien und Selbstwirksamkeit in den Arbeitsalltag integriert werden können. Das Kapitel „Eine neue Schule“ eröffnet Perspektiven, wie Bildung und Selbstwirksamkeit zusammenhängen und warum beides für eine nachhaltige Arbeitskultur so wichtig ist.
  7. Anhang: Der letzte Teil des Buchs „Gute Arbeit“ von Marion King bietet eine Sammlung weiterführender Literatur und Empfehlungen zur Vertiefung der behandelten Themen. King nennt ihre persönlichen „Lieblingsbücher“ und schlägt damit eine Brücke für Leser:innen, die sich tiefer mit den philosophischen und praktischen Aspekten der Arbeitswelt beschäftigen möchten.

Analyse und Reflexion zum Buch „Gute Arbeit“ von Marion King

„Wer jammert, hat noch Reserven!“ Puhhh, ich musste länger über den Satz nachdenken, der über der „eigentlichen Einleitung zum Buch“ (S. 22/23) steht (King bezieht sich auf den Artikel von Duve, 2003) und dachte an die Einrichtungen und Organisationen in denen ich unterwegs bin – Pflege, Soziale Arbeit, Erziehung, Gesundheit… Geht da noch was?

King ist sich sicher: „Ich weiß ganz sicher, dass da noch was geht, dass es anders geht – das mit dem Arbeiten und das mit dem Verändern.“ (ebd.)

Ja, dieser Blick macht das Buch für mich aus: Es geht was, es geht anders, vor allem aber geht es (selbst-)wirksamer. Arbeit genauso wie Veränderung. Allein an dem kurzen Einblick ins Buch zeigt sich, dass Gute Arbeit weit mehr ist als eine rein theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeit. Es ist ein Buch, das bewegen und aufrütteln soll – und das auch schafft.

Dazu trägt Kings Schreibstil bei – fesselnd und direkt, sie spricht ihre Leser:innen wie Vertraute an und macht die Lektüre zu einer fast persönlichen Erfahrung. Dazu tragen auch die vielen Beispiele aus ihrem eigenen Berufsleben bei, die auf lebendige Weise veranschaulichen, dass Veränderungen nicht nur notwendig, sondern auch und anders machbar sind.

Mir gefällt aber besonders Kings Fähigkeit, die Verbindung zwischen einer aus meiner Sicht realisitsch eingeordneten Perspektive von „New Work“ (in Anführungsstrichen als Klammer für alle zeitgemäßen Formen, Methoden und Tools von Arbeit und Zusammenarbeit, S. 67) und der eigenen ebenso wie der organisationalen Selbstwirksamkeit herzustellen.

Ja klar, manches sind Wiederholungen für Menschen, die sich schon lange im Kontext von New Work und Organisationsentwicklung bewegen – aber das ist normal und wichtig, denn: Ohne ein- und hinführende Worte zu komplexen Themenstellungen geht es nicht.

Marion King zeigt aber insgesamt, dass es bei erfüllender Arbeit nicht nur um Produktivität und Karriere geht, sondern darum, Einfluss auf seine Umwelt zu nehmen und (wieder) Sinn in seiner Arbeit zu finden. In einer Welt, die oft von Leistungsgedanken und kurzfristigen Erfolgen getrieben ist, erinnert das Buch daran, dass wahre Erfüllung nur dann erlebt wird, wenn man langfristig wirklich, wirklich etwas bewirkt.

Und so denke ich über die eigene Hoffnung nach, mit meiner Arbeit etwas – was auch immer – zu bewirken – für mich, vor allem aber für die tollen Menschen und Organisationen, mit denen ich in herausfordernden Zeiten zusammenarbeiten darf.

Fazit

Das Buch „Gute Arbeit“ von Marion King ist ein inspirierendes und facettenreiches Buch, das weit über die gängigen Buzzwords der „New Work“-Bewegung hinausgeht. Es ist ein Aufruf zu Verantwortung, Mut und Offenheit – sowohl für den Einzelnen als auch für Organisationen. Kings humorvoller und zugleich nachdenklicher Ton führt die Leser:innen durch die verschiedenen Facetten der Arbeitswelt und motiviert zur aktiven Gestaltung des Wandels.

Aus meiner Sicht eine klare Empfehlung für alle, die sich mit dem Status quo nicht zufrieden geben und bereit sind, sich nicht nur für „Gute Arbeit“, sondern auch für die Stärkung der Selbstwirksamkeit auf gesellschaftlicher Ebene einzusetzen.

Und das braucht’s – Selbstwirksamkeitserfahrungen für sich selbst, in unseren Organisationen und der Gesellschaft. Da geht noch was!

Und hier geht’s zum Buch!

Die Gallup Studie – the other way round…

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Wahrscheinlich kennt inzwischen jede*r die Gallup Studie? Diese misst – ja, was eigentlich? Sie misst – so die Aussagen auf der Homepage – seit 2001 wie hoch der Grad der emotionalen Bindung der Mitarbeitenden an ihren Arbeitgeber ist und damit ihr Engagement und die Motivation bei der Arbeit. Naja, hier ließen sich schon einige Fragen stellen, aber ich will es mal so stehen lassen.

Bezogen auf die jüngsten Ergebnisse – die Gallup Studie 2021 – werden die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Beschäftigte und den deutschen Arbeitsmarkt untersucht und, so Gallup, „folgende Aspekte vertieft:

  • Wechselbereitschaft & Arbeitsmarkt: Zahl der Beschäftigten auf Jobsuche erreicht Spitzenwert – Kündigungswelle bald auch in Deutschland?
  • Dauer-Stresstest Corona: Burn-out-Gefahr nimmt zu
  • Recruiting: HeadhunterInnen verstärkt auf Jagd nach Talenten
  • Schutzimpfung emotionale Bindung: Wie Unternehmen und Führungskräfte dem Wettbewerb um Talente entgegensteuern können“

Bei der Studie kommen dann über die Jahre hinweg ähnlich Ergebnisse heraus, die sich in der berühmten Grafik zeigen (die ich hier aus Urhebergründen nicht zeigen darf 😉

Aber die Grafik ist leicht erklärt:

Mit leichten Schwankungen bewegt sich die Anzahl der Mitarbeitenden mit hoher emotionaler Bindung immer irgendwo um die 15% (der „grüne“ Wert), die Anzahl der Mitarbeitenden mit geringer Bindung bei etwa 70 % (gelber Wert) und die Anzahl der Mitarbeitenden, die keine Bindung (roter Wert) mehr aufweisen, bei etwa 15 %. Grün, gelb, rot; 15 – 70 – 15.

Easy.

Keiner hat Bock zu arbeiten!?

Die verbreitete Lesart ist:

„Oh mein Gott, nur 15% unserer Mitarbeiter*innen sind emotional stark gebunden.“

Und ja, angesichts der Zeit, die wir auf Arbeit verbringen, ist das ein beängstigend niedriger Wert:

Eigentlich haben 85% der Menschen nicht wirklich Bock, die Arbeit zu verrichten, die sie verrichten.

Aber welche Lesart könnte noch angelegt werden?

Vorüberlegungen aus globaler und nationaler Perspektive sowie der Perspektive der Sozialwirtschaft

Dazu ein paar kurze Vorüberlegungen aus globaler und nationaler Perspektive sowie der Perspektive der Sozialwirtschaft:

Globale Ebene

Global betrachtet sind die Ausführungen von Otto Scharmer immer wieder mehr als lesenswert.

In seinem neuesten Beitrag (der dankenswerterweise auch in einer Übersetzung vorliegt) schreibt Scharmer, dass wir in einer Zeit des beschleunigten Zusammenbruchs und Kollapses leben:

„Wir sehen die Symptome dafür in der Verschlechterung unseres Ökosystems, die im Falle von Überschwemmungen und Dürren oft als “die schlimmste seit 1.000 Jahren” beschrieben wird. Wir sehen es an der Destabilisierung des Klimas, dem Absinken des Grundwasserspiegels, dem Verlust des Mutterbodens und dem alarmierenden Verlust der biologischen Vielfalt. Wir sehen die Symptome des Zusammenbruchs der sozialen Systeme in einem erhöhten Maß an Polarisierung, Ungleichheit, Rassismus, Gewalt und Krieg sowie in den Anfängen der klimabedingten Massenmigration.“

Scharmer bietet in dem Beitrag auch Lösungswege an.

Demnach gilt es unter anderem (aber prioritär) „unsere Systeme für Bildung und lebenslanges Lernen um[zu]gestalten. Während wir uns vielerorts vom Auswendiglernen zu stärker lernerzentrierten Modalitäten entwickelt haben, konzentriert sich die Bildung weiterhin auf individuelles Lernen und den Aufbau von Kapazitäten. Wir sind weit entfernt von Bildungsmodellen, die die Fähigkeit zum gemeinsamen Spüren und zur gemeinsamen Gestaltung der Zukunft aufbauen“ (ebd.).

Übrigens fand ich die Episode des Podcasts „Hotel Matze“ mit Ulrike Herrmann, die die Frage stellt, wie wir uns vom Kapitalismus befreien können, unglaublich spannend. Ihre Idee ist die Rückkehr ins Jahr 1978 und zur britischen Kriegswirtschaft.

Klingt komisch, ist aber eine mehr als hilfreiche, vor allem realistische Betrachtung des Zustands unserer Welt.

Nationale Ebene

National betrachtet sehen wir in und nach der Pandemie sowie befeuert durch den Krieg in der Ukraine und die damit einhergehenden, hochkomplexen Fragen der Energiesicherheit ein Erstarken rechter Parteien. Die Wahlergebnisse in Niedersachsen, bei denen die Deppen von der AfD ihr Ergebnis seit der letzten Wahl – ohne Inhalte, Ideen und Lösungen – fast verdoppeln konnten, sprechen hier eine deutliche Sprache.

Parallel dazu steuern wir durch die demographische Entwicklung in Deutschland auf einen massiven Arbeitskräftemangel zu, der zum einen das Problem mit sich bringt, dass in einigen Branchen eben die Arbeitskräfte fehlen. Zum anderen ist aber völlig offen, wie sich auf Basis der in den nächsten Jahren massiv steigenden Anzahl von Rentner_innen und einer gleichzeitig abnehmenden Anzahl von Arbeitsnehmer_innen das Rentensystem in irgendeiner Weise aufrechterhalten lässt.

Ich scherze immer mal wieder, dass ich ja nur noch 40 Jahre zu arbeiten habe und Holger macht sich Sorgen, dass bei seiner Verabschiedung kaum noch jemand in seiner Organisation arbeitet, der ihn verabschieden könnte 😉

Nein, ernsthaft: Da kommt was auf uns zu, was wir uns gesamtgesellschaftlich noch nicht vorstellen können.

Ebene der Sozialwirtschaft

Und bezogen auf die Sozialwirtschaft schreibt Joss Steinke auf Twitter:

https://twitter.com/JossSteinke/status/1578346691094192128

Das könnte man jetzt als überspitzt und zu hart betrachten.

Mein Eindruck hingegen aus verschiedenen sozialen Organisationen unterschiedlicher Arbeitsfelder unterstreicht die Aussage von Joss – nicht nur bezogen auf die Energiekrise:

Wenn die Menschen im sozialen Bereich nicht eine unglaublich hohe intrinsische Motivation und eine Gott sei Dank tief verwurzelte Berufsidentität mitbringen würden, die auf anderen als monetären Werten fußt, wäre der Zusammenbruch des Systems schon deutlich greifbarer als er von außen scheint.

Ach, und wer über geschlossene Kitas und die damit nicht mehr gegebene Möglichkeit jammert, gemütlich im Homeoffice zu arbeiten: Das ist die Zukunft! Vielleicht haben Oma und Opa ja Bock, die Kids wieder mehr zu nehmen?

Die Systeme am Rand des Zusammenbruchs

Was will ich sagen?

Ich will sagen, dass viele unserer Systeme auf globaler und nationaler Ebene ebenso wie einzelne Funktionssysteme unserer Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs stehen. Der kurze Hinweis auf einen Blick in den Iran sei hier noch gestattet. Das Akronym BANI kommt mir mal wieder in den Sinn.

Aber was hat das mit der Gallup-Studie zu tun?

Der Gedanke ist recht einfach:

In jeder Keynote (so heißen Vorträge in anderen Branchen) wird propagiert, dass wir „Organisationsrebellen“ bräuchten, die den Status Quo infrage stellen, um Innovation und echte Weiterentwicklung zu ermöglichen.

Die Organisationsrebellen sind aber nicht die Menschen, die sich mit den Zuständen, dem Bekannten, dem System, wie es ist, zufrieden geben.

Die Menschen im roten Bereich der Gallup Studie

Was wäre, wenn die Menschen im roten Bereich der Studie – die „emotional nicht Gebundenen“ – nicht die Menschen sind, die lieber entspannt ne Stunde früher Feierabend machen, sondern genau die Menschen sind, die sich eben mit den Zuständen nicht zufrieden geben?

Was wäre wenn es genau diese Menschen in den Organisationen sind, die die Systeme zu hinterfragen?

Was wäre, wenn es sich lohnt, den Fokus anstatt auf die „grünen, emotional hoch Gebundenen“ auf die „emotional nicht Gebundenen“ zu richten und deren Energie und Ideen zu nutzen, an der Veränderung der Systeme zu arbeiten?

Vielleicht – und das ist eine reine Vermutung – haben die Menschen im roten Bereich ja Antworten, die sich dringend zu hören lohnen? So ist klar:

Nur „dagegen“ sein, ist kein Weg. Es braucht Ideen, neue Lösungen, komplexes Denken und Handeln, es braucht (soziale) Innovationen und die „Hoffnung, dass es besser wird“.

Antworten, die sich zu hören lohnen

Daher der Hinweis:

Schaut auf die Menschen, die emotional nicht gebunden scheinen. Vielleicht sind sie viel mehr gebunden als angenommen. Nur eben nicht an das Bestehende.

Schaut auf die Menschen, die anscheinend „gegen die Organisation“ arbeiten. Verurteilt diese Menschen nicht vorschnell, sondern geht mit ihnen in ernsthafte Gespräche, in einen Dialog „auf Augenhöhe“.

Versucht, wirklich zuzuhören und offen zu sein für andere Sichtweisen.

Vielleicht haben die Menschen Antworten, Ideen, Lösungen, die bislang Tabus und blinde Flecken bleiben konnten, heute und morgen aber dringend benötigt werden, um unsere Sozialsysteme, unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlage aufrechtzuerhalten.

New Work als abschließender Gedanke

Eine Auseinandersetzung – ich meine eine ernsthafte Auseinandersetzung – mit dem Konzept „New Work“ und den Ideen von Bergmann kann hier ebenfalls weiterhelfen.

„New Work“ ist eben gerade keine „Lohnarbeit im Minirock“, keine aufgehübschte Arbeitswelt, in der die Menschen mit Ideen von Homeoffice und Selbstverantwortung in den bestehenden Systemen weiter ausgequetscht werden.

New Work ist eine Abkehr insbesondere von dem bestehenden System der Lohnarbeit, das uns die Probleme eingebrockt hat, vor denen wir auf allen Ebenen unserer Gesellschaft stehen.

Bei New Work geht es um weit mehr als um die Frage, was die Menschen in den bestehenden Systemen „wirklich, wirklich tun wollen“. Es geht um die Gestaltung von neuen, völlig anderen, undenkbaren, utopischen Systemen, die unsere Lebensgrundlagen aufrechterhalten.

Und vielleicht können die Menschen im roten Bereich der Gallup Studie hierzu passende, neue Anregungen liefern.

Wir brauchen viel mehr Kindergarten!

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Ja, wir brauchen auch viel mehr Kindergärten! Aber darum geht es mir hier nicht. Wir brauchen viel mehr Kindergarten! Mir geht es darum, dass ich immer wieder über die Vergleiche der Arbeitswelt mit Kindergärten höre, lese und diese selbst verwende:

„Das ist hier wie im Kindergarten!“ oder „Die Führungskräfte verhalten sich wie im Kindergarten!“ oder „Was für ein Kindergarten!“

Kennen Sie, oder?

Do, what’s needed, oder: Wir brauchen zeitgemäße Organisationen!

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Man nehme ein wenig agiles Management, mixe dies mit flachen oder am Besten gar keinen Hierarchien, gebe zwei bis drei Teelöffel New Work hinzu und verrühre das Ganze lange unter der Zugabe von Innovation so lange, bis eine zähe Buzzword-Brühe entsteht. Am Ende wird die ganze Soße garniert mit ausreichend Digitalisierung, damit einem die unter der süßen Oberfläche verborgene Organisationskröte auch schmeckt.

Quartiere stärken gegen rechts: Demokratieresilienz im Sozialraum gestalten

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Ich habe „Nazis raus” an die Unterführung in meinem Heimatdorf gesprüht. Das ist jetzt etwa 30 Jahre her. Im Sauerland, weit weg von weltpolitischen Geschehnissen. Manchmal sind wir nach Köln gefahren und haben dann in der Ehrenstraße gesessen – mit schwarzen Docs und roten Schnürsenkeln. Damals, Mitte der 90er Jahre, ging es irgendwie bergauf: Wiedervereinigung, Mauerfall, Ende des Kalten Kriegs, das Internet mit all seinen Möglichkeiten, das erste Klapphandy usw. Wir haben uns cool gefühlt. Nein, ich habe damals sicherlich nicht erahnen können, dass „Nazis raus“ heute, kurz vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, tatsächlich ein Thema wird und es notwendig erscheint, einen Beitrag über die Stärkung von Demokratieresilienz im Sozialraum zu schreiben.

Aber wir leben in einer Zeit, in der nicht alles bergauf, sondern – zumindest gefühlt – eine ganze Menge in unserem Land massiv bergab zu gehen scheint. Das bewegt Menschen. Und das bewegt Menschen auch dazu, eine gesichert rechtsextreme Partei zu wählen, deren Namen ich hier nicht erwähnen will. Aus der Wahl dieser Partei ergeben sich – gesichert – keinerlei Lösungen für die aktuellen, hoch komplexen Herausforderungen unserer Gesellschaft. Im Gegenteil: Es wird unfassbar viel Gutes zerstört werden – auf Bundes-, Landes-, Kreis- und kommunaler Ebene, in den Gemeinden und ganz konkret bei den Menschen vor Ort. Mit dem Beitrag will ich hier hinschauen – auf das Konkrete, auf Städte, Gemeinden, die Sozialräume und zu den Menschen vor Ort mit der Frage:

Wie kann es gelingen, in Städten und Gemeinden Strukturen zu schaffen, die den Sozialraum widerstandsfähig machen, so dass antidemokratische Kräfte keinen Halt finden?

Dabei geht es mir nicht darum, Menschen von der Demokratie zu überzeugen, sondern darum, Strukturen in Stadtteilen und Gemeinden zu bauen, in denen Demokratie auch dann trägt, wenn es schwierig wird. Das klingt alles noch etwas theoretisch, oder? Ein Blick in die konkrete Arbeit, beispielsweise von Stadtteilzentren oder im Gemeinderat, macht es jedoch deutlich:

Dort sagt jemand einen Satz jenseits der berühmten Brandmauer, der vor ein paar Jahren noch massiven Widerspruch ausgelöst hätte und niemand widerspricht. Im Sportverein übernimmt ein neuer, engagierter Vorstand die Jugendarbeit und irgendwann fällt auf, dass sich der Ton der Vereinszeitung ganz übel verändert hat. Im Gemeinderat wird über den geplanten Umbau des Spielplatzes gestritten und aus dem Streit über Beton und Bäume wird ein Streit darüber, „wer hier eigentlich noch dazugehört”. Keiner dieser Momente für sich genommen ist eine Katastrophe. Zusammengenommen sind sie jedoch das Vorzeichen einer antidemokratischen Verschiebung nach rechts.

Die Beobachtung, wie rechtsextreme und demokratiefeindliche Kräfte im Sozialraum Fuß fassen, zeigt selten die große Konfrontation – dafür sind die rechten Spacken nicht blöd genug. Zu sehen ist vielmehr ein langsames Einsickern in die Strukturen, die eine Nachbarschaft zusammenhalten: in Vereine, den Gemeinderat, die Elterninitiativen, Feuerwehren, die Kommentarspalten lokaler Facebook-Gruppen und die Leerstellen, die entstehen, wenn öffentliche und zivilgesellschaftliche Angebote weniger tragen.

Aufklärung darüber und der Versuch, Menschen jeden Alters Demokratie näherzubringen, liegen nahe und sind und bleiben wichtig. Aber die Frage nach demokratieresilienten Strukturen bleibt unbeantwortet. Da die Verhältnisse das Verhalten von Menschen jedoch stärker prägen als oft angenommen, lohnt es sich, hierhin – auf diese Strukturen – zu schauen.


P.S.: Der Beitrag ist (unter anderem auch) entstanden als Vorbereitung auf einen Vortrag, den ich in einem Stadtteilzentrum zum o.g. Thema halten werde.


Das Naheliegende reicht nicht

Wenn im Stadtteil, in der Gemeinde oder in der Nachbarschaft etwas ins Rutschen gerät, wird meist intuitiv reagiert: „Wir müssen die Menschen erreichen. Wir müssen überzeugen, aufklären, ins Gespräch kommen.“

Das ist gut gemeint und grundsätzlich nicht falsch, aber es verkürzt das Problem auf die Frage der Gesinnung, der persönlichen Haltung und des „Mindsets“ einzelner Menschen. Es unterstellt, dass Demokratiefeindlichkeit vor allem ein Defizit in den Köpfen einzelner Personen sei, das sich mit den richtigen Argumenten beheben ließe.

Diese Verkürzung führt jedoch in die Irre. Sie überschätzt die Wirkung von – definitiv notwendiger – Überzeugungsarbeit: Wer schon einmal versucht hat, den komischen Onkel bei der Weihnachtsfeier am Küchentisch „umzustimmen“, weiß das. Die Verkürzung lenkt den Blick auf die individuelle Ebene, obwohl das Problem – wie so oft – strukturell ist. So wird aus einer Frage der sozialräumlichen (Infra-)Struktur eine Frage persönlicher Haltung.

Aus der system(theoret)ischen Organisationsentwicklung wissen wir jedoch, dass man nicht weit kommt, wenn man eine Organisation über die Arbeit an der Haltung und den Einstellungen der einzelnen Mitarbeitenden verändern will. Es ist in Organisationen deutlich erfolgversprechender, an den Strukturen anzusetzen, also an Regeln, Hierarchien, Kopplungen, Kommunikationswegen, Rollen usw., da sich Verhalten an Strukturen orientiert und nicht umgekehrt.

Ähnliches gilt für den Sozialraum, was sich in einem Video eines Bekannten zeigt, der gerade mit dem Rad nach Schweden fährt und dabei in ein Schützenfest irgendwo auf einem norddeutschen Dorf gerät: Im Hintergrund läuft ziemlich laut Musik von den Böhsen Onkelz. Ich könnte kotzen und stelle mir gleichzeitig vor, wie schwer es für Menschen, vor allem für Jugendliche, auf dem Dorf ist, sich dieser Scheiße entgegenzustellen, die Musik abzudrehen und dagegen zu sein. Deutlich einfacher ist es, mitzumachen. Die Verhältnisse bestimmen das Verhalten.

Und ja, ein Sozialraum ist keine Organisation: Niemand ist ‚Mitglied‘, entsprechend kann die Mitgliedschaft nicht einfach beendet, man kann nicht gekündigt werden. Es gibt auch keinen bei Gründung des Quartiers entschiedenen „Zweck“ und keine formal festgelegte Hierarchie in einer Nachbarschaft. Aber das Grundprinzip – Verhalten orientiert sich an Strukturen, und Strukturen lassen sich gestalten, Beziehungsgefüge ebenso wie Regeln – lässt sich übertragen.

Kurz gesagt: Es geht weniger um die Frage, wie wir Menschen von Demokratie überzeugen, sondern darum, wie es gelingt, Stadtteile, Nachbarschaften, Gemeinden zu gestalten, in denen Demokratie auch dann trägt, wenn es schwierig wird. Das ist eine Verschiebung der Aufmerksamkeit von Personen zu Verhältnissen. Mit dieser Verschiebung werden Handlungsmöglichkeiten eröffnet, die häufig von der personenzentrierten Perspektive verstellt werden.

Aber (um das noch einmal explizit zu betonen): Strukturarbeit und Überzeugung für Demokratie sind kein „Entweder… oder…“. Der Hebel Struktur scheint mir jedoch manchmal vernachlässigt.

Was antidemokratische Kräfte im Sozialraum tatsächlich tun

Um zu verdeutlichen, warum eine strukturelle Antwort erforderlich ist, lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Strategie antidemokratischer Kräfte. Denn rechtsextreme Raumnahme folgt einem erkennbaren Muster. Ich bin kein Experte, aber drei von vermutlich noch viel mehr Aspekten machen das strategische Vorgehen, das Muster, deutlich. Und wenn man die Muster kennt, kann gezielter dagegen vorgehen:

  • Die Besetzung von Leerstellen: Wo sich öffentliche Daseinsvorsorge und zivilgesellschaftliches Engagement zurückziehen – geschlossene Jugendtreffs, ausgedünnter Nahverkehr, verwaiste Dorfgemeinschaftshäuser, geschlossene Schwimmbäder –, entstehen Vakuen. Diese bleiben nicht leer, sondern werden gefüllt. Das Kümmern um das Konkrete – der organisierte Fahrdienst, das Sommerfest, die Nachhilfe – ist ein hochwirksames Einfallstor, weil es Vertrauen und Anschluss schafft, lange bevor Ideologie ins Spiel kommt.
  • Die Vereinnahmung bestehender Strukturen: Vereine, Elternbeiräte, Nachbarschaftsinitiativen sind niedrigschwellig und offen. Das ist ihre demokratische Stärke und zugleich ihre Verwundbarkeit. Wer sich engagiert, gewinnt Einfluss. Es braucht keine Mehrheit, um den Ton zu verschieben; es braucht Ausdauer und die Trägheit der anderen.
  • Das Andocken an reale Konflikte: Nachbarschaftskonflikte, Verteilungsfragen und das Gefühl, „nicht mehr gehört zu werden“, sind reale Probleme, die durch die aktuelle Politik leider eher befeuert als gelöst werden. Antidemokratische Deutungsangebote leben davon, diesen realen Erfahrungen eine einfache, spaltende Erzählung überzustülpen. Sie kapern diese Konflikte und nutzen sie.

Die drei Bewegungen haben eine Gemeinsamkeit: Sie zielen nicht auf einzelne Personen, sondern auf die Strukturen und Beziehungsgefüge eines Sozialraums. Es ist ein Angriff auf das Netzwerk, das Gewebe der Nachbarschaft. Und Angriffe auf Strukturen verlangen strukturelle Antworten.

Resilienz – und was oft damit verwechselt wird

Über Resilienz habe ich hier auf dem Blog und im Beitrag „Robustheit im Wandel: Organisationale Resilienz“ (Epe, 2024) ausführlich geschrieben. Kaum ein Begriff wurde in den letzten Jahren so stark strapaziert wie „Resilienz”. Seit den 2000er Jahren erlebt er einen regelrechten Boom. Deshalb ist eine Präzisierung erforderlich, um vor allem zwei Missverständnisse auszuräumen:

Das erste Missverständnis steckt bereits in der Wortherkunft: „Resilienz” leitet sich vom lateinischen Verb resilire ab, was so viel wie zurückspringen oder abprallen bedeutet, und bezeichnete ursprünglich die physikalische Fähigkeit eines Körpers, nach einer Verformung wieder in seine ursprüngliche Form zurückzukehren (vgl. Bonß 2015). Der Schwamm wird hier immer als Beispiel herangezogen. Daraus ergibt sich die naheliegende, aber verkürzte Vorstellung, Resilienz bedeute, nach einer Störung oder auch Krise in den alten Zustand zurückzukehren, genau wie ein Schwamm, den man zusammendrückt und der zurückkommt in seine ursprüngliche Form. Übertragen auf den Sozialraum wäre das die Idee, ein Quartier müsse nach einer Krise einfach wieder so werden, wie es vorher, wie es früher war. Die neuere organisationale Resilienzforschung geht darüber hinaus. Sie unterscheidet zwischen a) einfacher und b) reflexiver Resilienz (vgl. Bonß 2015):

  • Die a) einfache Resilienz fragt nur, was akut zu tun ist, wenn die Krise bereits eingetreten ist, also wie man schnell wieder handlungsfähig wird bzw. als Schwamm schnell wieder in die ursprüngliche Form kommt (denke an Spongebob…). Einfache Resilienz ist entsprechend reaktiv wohingegen b) reflexive Resilienz proaktiv zu verstehen ist.
  • Die b) reflexive Resilienz zielt darauf ab, das Eintreten von Krisen von vornherein zu verhindern und sich vorausschauend zu wandeln.

In derselben Logik trennt die Forschung „Bounce Back” (Zurück zum Normalbetrieb) von „Bounce Forward” – der Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen und sich als System grundlegend weiterzuentwickeln (vgl. Kny et al. 2024). Entsprechend beschreibt Hoffmann (2017) organisationale Resilienz nicht als bloße Rückkehr, sondern als fortlaufende Anpassung, die den Bestand eines sozialen Systems sichert und dessen Weiterentwicklung ermöglicht.

Übertragen auf den Sozialraum bedeutet das entsprechend, dass ein widerstandsfähiger Sozialraum nicht einfach zurückkehrt zu einem „vorher“, sondern er lernt, passt sich an und verändert sich.

Ein zweites, folgenreicheres Missverständnis besteht darin, dass Resilienz als Eigenschaft von Personen betrachtet wird und man versucht, Menschen „stärker“, „widerstandsfähiger“ oder „krisenfester“ zu machen. Dies ist eine individualisierende Lesart, die geradewegs zurück zur oben skizzierten falschen Frage führt. Denn sie verortet die Widerstandsfähigkeit in einzelnen Menschen. Eine der frühen Bestimmungen organisationaler Resilienz rückt hingegen nicht die Standhaftigkeit einzelner Teile, sondern deren strukturelle Verknüpfungen und die Art, wie sich Veränderung durch das ganze System hindurch fortpflanzt, in den Mittelpunkt (vgl. Horne 1997, zit. n. Hoffmann 2017). Damit wird Resilienz nicht als Widerstandskraft verstanden, die man bzw. jemand hat, sondern als Gestaltungspotenzial, das in den Strukturen eines sozialen Systems liegt.

Wiederum übertragen auf sozialräumliche Resilienz heißt das, dass sie somit nicht in einzelnen, mutigen Menschen entsteht, sondern im System. Sie liegt in den Verbindungen, den Kopplungen, den Beziehungen, den Normen sowie den formalen und informalen Regeln und somit zwischen den Akteuren eines Quartiers.

Ein Sozialraum, ein Stadtteil, eine Nachbarschaft oder ein Quartier ist genau in dem Maße resilient, in dem seine Teile miteinander verbunden, füreinander ansprechbar und gemeinsam handlungsfähig sind. Die Resilienz-Ressource ist somit nicht die Standhaftigkeit Einzelner, sondern die Tragfähigkeit der Strukturen des sozialen Systems „Sozialraum“.

Und Strukturen lassen sich gestalten: Man kann Kopplungen stärken, Verbindungen stiften und Handlungsfähigkeit organisieren. Demokratische Haltung, Gesinnungen, ein „Demokratiemindset“ kann man kaum vorgeben oder beeinflussen, Strukturen hingegen sehr wohl. Damit wird sozialräumliche Demokratieresilienz zu etwas, das aktiv gestaltbar ist, statt es dem Zufall individueller Überzeugungen zu überlassen.

Woraus sozialräumliche Demokratieresilienz entsteht

Wenn Resilienz in den Strukturen und Beziehungen eines Sozialraums verankert ist, woran genau erkennt man dann dessen Widerstandsfähigkeit? Zur Beantwortung lohnt neben der Befassung mit Resilienz ein Blick in die empirische Forschung. Dazu zwei interessante Quellen:

Das Berliner Forschungsinstitut Camino hat im Praxisforschungsprojekt „Resiliente Sozialräume” (vgl. bspw. hier) an der Schnittstelle von Quartiers-, Community- und Extremismusforschung analysiert, warum sich in belasteten Stadtteilen viele Menschen trotz vorhandener Risikofaktoren nicht radikalisieren und welche sozialräumlichen Schutzfaktoren dafür verantwortlich sind (vgl. Camino 2021).

Zum anderen beschreibt die Community-Resilience-Forschung die Widerstandskraft eines Gemeinwesens als Funktion seines sozialen Kapitals, also der Summe, Dichte und Stärke der Bindungen zwischen seinen Mitgliedern (vgl. Beerlage 2023). Beide Ansätze bestätigen, was systemisch zu erwarten war:

Resilienz ist eine Eigenschaft des Gefüges und nicht der Haltungen einzelner Personen.

Fasst man diese Befunde mit den Resilienzquellen aus der Organisationsforschung zusammen, lassen sich sechs Dimensionen unterscheiden, die ich für zentral halte:

  • Vernetzung: Wie dicht und tragfähig sind die Beziehungen zwischen den Akteuren? Und: Gibt es Brücken zwischen unterschiedlichen Milieus und nicht nur innerhalb einzelner „Blasen“? Hier setzt soziales Kapital an: Erst die Verknüpfung über die eigene Gruppe hinaus – in der Netzwerkforschung die „schwachen Bindungen“ (weak ties, Granovetter) – macht ein Quartier tragfähig. In der Camino-Studie erwies sich eine lokale, mit anderen Akteuren eng vernetzte Einrichtung als entscheidender Knotenpunkt der Resilienzbildung (vgl. Camino 2021).
  • Vielfalt und Repräsentation: (Wie) werden unterschiedliche Gruppen im Quartier sichtbar, gehört und beteiligt? Wer fehlt strukturell am Tisch? Politische Bildung im Sozialraum lebt davon, Meinungsvielfalt zuzulassen und Räume für kontroverse Auseinandersetzung zu schaffen, statt einfache Wir-gegen-die-Deutungen zuzulassen (vgl. Camino 2022).
  • Deutungsfähigkeit: (Wo) gibt es Orte und Formate, an denen Konflikte offen bearbeitet werden, bevor andere sie deuten? Wer erzählt die Geschichte des Stadtteils? Antidemokratische Akteure greifen reale Konflikte und Diskriminierungserfahrungen gezielt auf und überformen sie mit einem unterkomplexen, dualen Weltbild wohingegen ein resilienter Sozialraum den Deutungen eigene, differenzierte Deutungen entgegen hält (vgl. Camino 2021).
  • Handlungsfähigkeit: (Wie) können die Akteure bei Vorfällen schnell und abgestimmt reagieren? Oder bleibt jeder für sich? Netzwerke erhöhen die Handlungsfähigkeit nicht nur im Ernstfall, sondern auch präventiv, und helfen, Vorfälle richtig einzuschätzen statt alarmistisch zu reagieren (vgl. Camino 2022). Ein oft zitiertes Beispiel: Als im untersuchten Quartier Rekrutierer ???? auftraten, rief eine Einrichtung die Eltern zusammen – die daraufhin gemeinsam handelten (vgl. Camino 2021).
  • Verlässliche Infrastruktur: Wie demokratierobust sind Treffpunkte, Angebote und öffentliche Räume? Wo entstehen Leerstellen, die von antidemokratischen Kräften besetzt werden können? Wo öffentliche Daseinsvorsorge zurückgeht, entstehen genau die Vakuen, die antidemokratische Akteure mit „Kümmern“ und Präsenz füllen. Verlässliche soziale Orte – von der Jugendeinrichtung bis zum Nachbarschaftstreff – sind damit selbst ein Schutzfaktor.
  • Reflexions- und Lernfähigkeit: (Wie) schaut das Quartier auf sich selbst? (Wie) werden Vorfälle ausgewertet und Konsequenzen gezogen. Die Camino-Forschung deutet sogar die kollektive Erinnerung an frühere Radikalisierungsfälle als resiliente Funktion: Ein Quartier, das seine eigenen Krisen kennt und bespricht, ist wachsamer (vgl. Camino 2021).

Man kann diesen sechs Dimensionen eine siebte, querliegende Dimension zur Seite stellen: eine geteilte, aber nicht erzwungene demokratische Wertebasis als Sinnhorizont, der die anderen Dimensionen zusammenhält. Sie entspricht dem, was die Community-Resilience-Forschung die „kulturelle Dimension sozialen Kapitals“ nennt – geteilte Werte und Normen der Reziprozität und Toleranz (vgl. Beerlage 2023).

Jede dieser Dimensionen benennt keine Eigenschaft von Personen, sondern eine Beschaffenheit des sozialen Gefüges. Und jede lässt sich beobachten, einschätzen und auch gestalten.

Vom Konzept zum Instrument, oder: Der sozialräumliche Demokratieresilienz-Check

Wenn sich Demokratieresilienz an sechs (bzw. sieben) beobachtbaren Dimensionen festmachen lässt, dann lässt sich fragen, ob sie sich auch gemeinsam einschätzen lässt – im Sinne eines „Demokratieresilienz-Checks für Stadtteile und Gemeinden“?

Hintergrund des Gedankens ist die Überlegung, von der rein theoretischen Darlegung hin zu einem konkreten Instrument zu kommen, das für Kommunen, Gemeinden, Stadtteilzentren konkret nutzbar ist. Der Check kann jedoch kein reines Bewertungsinstrument sein, das von außen ein Urteil fällt („Ihr Quartier erreicht 43 von 70 Punkten“). Er sollte ein Instrument der Selbstbewertung und Selbstverständigung sein und die Akteure eines Sozialraums einladen, gemeinsam – entlang der sechs Dimensionen – zu fragen: Wo sind wir stark? Wo sind wir verwundbar? Wo haben wir Leerstellen, die andere besetzen könnten?

Der Wert des Instruments kann damit weniger im Ergebnis als im Gespräch gesehen werden, das es auslöst. Denn allein das Gespräch lässt sich als ein Akt der Vernetzung verstehen.

Ich habe mal versucht, den Resilienz-Check als eigenständiges Instrument mit konkreten Leitfragen zu jeder Dimension auszuarbeiten, das so – bspw. in einer Stadtteilkonferenz, in einer Vereinsrunde oder im Team eines Stadtteilzentrums – als Gesprächsgrundlage angewendet werden kann:

Schon hier der Hinweis, dass ich mich sehr über Rückmeldungen, Ergänzungen und Anmerkungen dazu freue – hier im Blog als Kommentar oder hier per Mail.

Ein sozialräumlicher Demokratieresilienz-Check, der nur zu einer Standortbestimmung führt, verpufft jedoch. Der eigentliche Sinn liegt – wie so oft – im nächsten Schritt:

Es gilt, aus den erkannten Schwachstellen konkrete Gestaltungsaufgaben zu machen:

  • Zeigt sich, dass die Brücken zwischen den Milieus fehlen, wird Vernetzung zur Aufgabe.
  • Zeigt sich, dass niemand weiß, wen man bei einem Vorfall kontaktieren kann, wird Handlungsfähigkeit zur Aufgabe.
  • Zeigt sich, dass ein Angebot wegzubrechen oder konkret die Schließung der Dorfkneipe droht, wird das Schließen der Leerstelle zur Aufgabe, bevor sie von antidemokratischen Kräften gefüllt wird.

Das Stadtteilzentrum als Netzwerkknoten sozialräumlicher Demokratieresilienz

Zu erkennen, dass aus den erkannten Schwachstellen im Sozialraum konkrete Gestaltungsaufgaben zu machen sind, ist (verhältnismäßig) einfach. Wenn jedoch Zuständigkeiten, klare Rollen und damit wiederum die Struktur fehlt, verpufft die Handlungsenergie schnell – auch das kennen wir aus Organisationen: „Wenn man mal nicht weiterweiß, gründet man nen Arbeitskreis!“

Aber wer kann für die sozialräumliche Demokratieresilienz zuständig sein? Wer kann als Ansprechpartner fungieren?

Hier kommen Stadtteilzentren ins Spiel. Sie lassen sich – systemisch gesprochen – als eine Art Grenzstelle, als Ort, an dem ein System mit seiner Umwelt in Kontakt tritt, bezeichnen. Hier treffen unterschiedliche Bereiche, Milieus und Akteure eines Sozialraums aufeinander und können miteinander in Kontakt kommen.

Genau dort, an den Grenzstellen, entstehen die für Demokratieresilienz notwendigen Kopplungen. Ein Stadtteilzentrum schafft die Gelegenheiten, an denen Beziehungen entstehen, an denen sich Menschen begegnen, die sich sonst nicht begegnen würden, an denen aus vielen Einzelnen ein tragfähiges Netz werden kann. Es ist ein Ermöglicher von Resilienz durch Struktur.

Und als übergreifender Gedanke und kleine Erinnerung:

Soziale Arbeit fördert als Disziplin und Profession „gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen. Die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlage der Sozialen Arbeit“ (Internationale Definition der Sozialen Arbeit).

Demokratie ist kein Zustand

Zurück zur Eingangsszene – zu dem Satz auf der Stadtteilkonferenz, dem niemand widersprach. Ob ihm jemand widerspricht, hängt weniger von der Tapferkeit einzelner Anwesender ab, als von der Frage, ob dieser Sozialraum eine tragende Struktur hat: Miteinander verbundene Akteure, geübte Formen des Austragens von Konflikten, verlässliche Orte der Begegnung, die Fähigkeit, Konflikte selbst zu deuten.

Demokratie ist kein gottgegebener Zustand. Sie ist nichts, was durch ein Bekenntnis gesichert wäre. Sie ist etwas, das – auch und gerade im Sozialraum – immer wieder neu hergestellt werden muss. In alltäglichen Beziehungen, in Strukturen, in vereinbarten Regeln und Normen, in Kopplungen zwischen den Menschen. Das kann proaktiv gestaltet werden.

Wir sind antidemokratischen Tendenzen nicht ausgeliefert und auf die Überzeugungskraft einzelner Menschen angewiesen. Wir können an Strukturen arbeiten, die einen Stadtteil resilienter, widerstandsfähiger machen.

Quellen:

  • Beerlage, Irmtraud (2023): Resilienz von Gemeinschaften, Städten und Gemeinwesen / Community Resilience. Hintergründe, Verständnis und Modelle. In: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit.
  • Bonß, Wolfgang (2015): Karriere und sozialwissenschaftliche Potenziale des Resilienzbegriffs. In: Endreß, Martin; Maurer, Andrea (Hrsg.): Resilienz im Sozialen. Wiesbaden: Springer VS.
  • Camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich (2021): Resiliente Sozialräume und Radikalisierungsprävention. Eine empirische Studie zu Schutzfaktoren im städtischen Raum. Berlin (veröffentlicht bei ufuq.de).
  • Camino (2022): Leitfaden Resilienzstärkung von Sozialräumen. Berlin (Projekt „Resiliente Sozialräume und Radikalisierungsprävention“, Bundesprogramm „Demokratie leben!“).
  • Epe, Hendrik (2025): Robustheit im Wandel: Organisationale Resilienz. In: Gesmann, S.; Löhe, J. (2025, Hrsg.): Von Scrum bis New Work: Managementmoden in der Sozialen Arbeit – Eine kritische Analyse von Führungs- und Organisationstrends. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich. S. 75 – 94.
  • Hoffmann, Gregor Paul (2017): Organisationale Resilienz. Grundlagen und Handlungsempfehlungen für Entscheidungsträger und Führungskräfte. Wiesbaden: Springer.
  • Horne, John F. III (1997): The coming age of organizational resilience. In: Business Forum, Jg. 22, Heft 2/3/4, S. 24–28.
  • Kny, Josefa; Scheffel, Franka; Peters, Stephan (2024): Resilienzkulturen. Was Non-Profit- und For-Profit-Organisationen im Umgang mit Krisen voneinander lernen können. Eschborn: Randstad Stiftung.
  • Weiß, Matthias; Hartmann, Silja; Högl, Martin (2018): Resilienz als Trendkonzept. Über die Diffusion von Resilienz in Gesellschaft und Wissenschaft. In: Karidi, Maria; Schneider, Martin; Gutwald, Rebecca (Hrsg.): Resilienz. Interdisziplinäre Perspektiven zu Wandel und Transformation. Wiesbaden: Springer, S. 12–32.

Fachcamp Soziale Arbeit 2026 oder: Unsicherheit gestalten!

Ich komme gerade aus der letzten Leitungsklausur vor meinem Urlaub. Thema war die Strategieentwicklung einer Organisationseinheit eines großen sozialen Trägers. Konkret ging es für einen Sozialen Dienst im Ruhrgebiet um die Erarbeitung strategischer Stoßrichtungen bis 2030. Diese orientieren sich an von der Gesamtorganisation vorgegebenen strategischen Themen. Ich bin ein großer Freund strategischer Arbeit, auch und gerade in Organisationen der Sozialwirtschaft. Trotzdem wird dabei immer wieder deutlich, dass es angesichts der aktuell absehbaren Entwicklungen herausfordernd ist, diesen langfristigen Blick in die Zukunft zu werfen. Die Frage ist, wie es gelingen kann, nicht nur auf die Unsicherheiten zu reagieren, sondern diese und damit auch die Zukunft der Sozialen Arbeit zu gestalten. Genau darum geht es in diesem Beitrag – verbunden mit dem Hinweis auf das Fachcamp Soziale Arbeit 2026, in dem wir uns diesem Thema explizit widmen werden.

tl;dr: Am Dienstag, den 24. November 2026, findet das Fachcamp Soziale Arbeit 2026 im Franz Sales Haus in Essen statt – von 9.00 bis 16.00 Uhr, im Barcamp-Format, unter der Leitfrage „Unsicherheit gestalten – die Zukunft der Sozialen Arbeit“. Christian Müller aka sozial-pr.net und ich laden Dich herzlich dazu ein. Hier geht’s direkt zur Anmeldung – aber das Lesen des Beitrags lohnt sich trotzdem 😉


Unsicherheit als Normalzustand

Es ist fast schon eine Binsenweisheit:

Die Herausforderungen für Organisationen der Sozialen Arbeit nehmen zu, und sie werden perspektivisch nicht abnehmen. Zu nennen sind Finanzierungsengpässe und knapper werdende öffentliche Mittel, digitale Entwicklungen mit der Frage, was der Einsatz Künstlicher Intelligenz mittelfristig für die Erbringung sozialer Dienstleistungen bedeutet, Investitionsnotwendigkeiten mit Blick auf ökologische Nachhaltigkeit, der absehbar weiter zunehmenden Fach-, Arbeits- und Führungskräftemangel, die Demokratiekrise und vieles mehr.

Viele dieser Herausforderungen lassen sich nicht organisationsindividuell lösen. Hier sind politische Entscheidungen gefragt bei die aktuell leider auch mehr Fragen aufwerfen, als Klarheit zu bringen.

Gleichzeitig sind Organisationen der Sozialwirtschaft und insbesondere Führungskräfte gefordert, mit den aktuellen und zukünftigen Themen, Krisen und Herausforderungen umzugehen und die Überlebensfähigkeit ihrer Organisation zu sichern.

Das macht strategische Arbeit so anspruchsvoll: Der notwendige, langfristige Blick nach vorn trifft auf eine Umwelt, deren Entwicklung sich kaum verlässlich prognostizieren lässt. Unsicherheit ist damit weniger ein vorübergehender Ausnahmezustand, auf den irgendwann wieder „Normalität“ folgt, als vielmehr die dauerhafte Rahmenbedingung, unter der Organisationen der Sozialen Arbeit agieren – und schon immer agiert haben.

Entscheidend ist entsprechend nicht, wie sich Unsicherheit vermeiden lässt, sondern wie sie sich gestalten lässt.

Organisationale Resilienz, oder: Von der reaktiven zur reflexiven Bewältigung

Ein Konzept, das hier weiterführen kann, ist die organisationale Resilienz (vgl. Epe 2026).

Resilienz wird meist auf Individuen bezogen und als Krisenfestigkeit verstanden wird, bei dem es darum geht, nach einer Krise wieder in einen vormaligen Ausgangszustand zurückzukehren ist – gerade mit Blick auf Organisationen – die Unterscheidung von einfacher und reflexiver Resilienz deutlich brauchbarer:

  • Einfache Resilienz bezeichnet die unmittelbare Reaktion auf eine bereits eingetretene Krise: Was ist akut zu tun, um die Krise zu bewältigen und die Arbeitsfähigkeit möglichst schnell wiederherzustellen?
  • Reflexive Resilienz ist demgegenüber ein proaktiver Ansatz. Nicht die Reaktion nach dem Ereignis steht im Vordergrund, sondern das Antizipieren potenzieller Krisen und das vorausschauende Handeln, das Vorbereiten, bevor sie eintreten.

In dieser Differenz kann ein Kern von „Unsicherheit gestalten“ liegen:

Anpassung an Umweltveränderungen erfolgt in Organisationen ohnehin – meist jedoch reaktiv und oft erst dann, wenn die Grenze des Machbaren bereits erreicht ist (vgl. Seliger, 2022: 14f). Die reflexive Resilienz fordert dazu auf, die Anpassungsnotwendigkeiten proaktiv und gestalterisch anzugehen.

Übertragen auf die strategische Arbeit heißt das: Vorlaufzeiten nutzen, Frühindikatoren ernst nehmen, Entwicklungsnotwendigkeiten benennen, bevor der externe Druck sie erzwingt. Strategieentwicklung wird so vom Versuch, eine unsichere Zukunft möglichst genau vorherzusagen, zur Fähigkeit, unter Unsicherheit gestaltungsfähig zu bleiben.

Die übersehenen Stärken von Organisationen der Sozialwirtschaft

Interessant bei der Beschäftigung mit organisationaler Resilienz war für mich, dass Organisationen der Sozialwirtschaft trotz aller strukturellen Herausforderungen häufig ausgesprochen resiliente Gebilde sind. Viele Träger, Organisationen und Einrichtungen existieren seit Jahrzehnten, teils seit Jahrhunderten, und mussten sich in dieser Zeit an eine Vielzahl von Krisen und veränderten Umweltbedingungen anpassen. Diese Resilienz speist sich aus Faktoren, die im Alltag leicht übersehen werden:

  • Die normative Bedeutung „des Sozialen“ ist gesellschaftlich verankert. Ganze Arbeitsfelder brechen nicht kurzfristig weg.
  • Veränderungen der gesetzlichen Grundlagen erfolgen in der Regel nicht ad hoc, sondern mit Vorlaufzeiten, die Anpassungs- und Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen.
  • Die generalistisch angelegte Ausbildung ermöglicht einen flexiblen Personaleinsatz und das Erproben neuer Angebote.
  • Die dezentrale, oft rekursiv-fraktale Struktur (vgl. Graf 2000: 88) vieler Träger erlaubt es – bei förderlicher Rahmung durch die übergeordneten Einheiten –, Entscheidungen passgenau und nah an den Bedingungen vor Ort zu treffen.

Selbst die „dominierende Informalität“ von Organisationen der Sozialwirtschaft (mehr dazu hier) könnte eine Ressource für organisationale Resilienz sein: Sie erschwert zwar die verbindliche Umsetzung von Entscheidungen in Organisationen der Sozialwirtschaft, kann aber zugleich ein Teil der Erklärung dafür sein, warum viele dieser Organisationen über so lange Zeit Bestand haben, da die Mitarbeitenden in Organisationen der Sozialwirtschaft nicht allein auf die organisationalen Mitgliedschaftsbedingungen schauen, sondern aufgrund der ihrer professionellen Identität („Helfen wollen!“) bereit sind, Krisen auszuhalten und „die Extrameile“ gehen (mit allen damit einhergehenden Herausforderungen).

Zusammenfassend besteht die Aufgabe darin, diese Stärken von Organisationen der Sozialwirtschaft bewusst für eine reflexive und damit proaktiv-gestaltende Auseinandersetzung mit der eigenen Zukunft zu nutzen und der Unsicherheit nicht nur wie das Kaninchen vor der Schlange abwartend und reaktiv zu begegnen.

Das Fachcamp Soziale Arbeit 2026, oder: Barcamp statt Frontalprogramm

Wer in Organisationen der Sozialwirtschaft, im eigenen Team oder auch als Individuum der mit den oben skizzierten Veränderungen und der damit einhergehenden Komplexität begegnen und Unsicherheit gestalten will, kommt mit von außen vorgegebenen, anscheinend fertigen Antworten nicht weit.

Es braucht vielmehr Zeiten und Räume, in denen Menschen, die täglich mit – vergleichbaren oder auch ganz anderen – Herausforderungen befasst sind, miteinander ins Gespräch kommen.

Das wird deutlich, wenn man übergreifend den sinnvollen Umgang mit komplexen Situationen betrachtet: Hier – in Unsicherheit und komplexen Situationen – greift die klassische Planungslogik nicht mehr. Das, was bei Aktivitäten oder Interventionen herauskommt, lässt sich nicht vorab bestimmen, da sich das System durch jede Handlung selbst verändert. Jede Intervention wirkt auf die Bedingungen zurück, unter denen die nächste stattfindet. Muster und Sinn erschließen sich erst im Nachhinein, wenn etwas passiert ist. Wer schon einmal erlebt hat, wie sich ein neues Team formt oder wie ein Markt plötzlich kippt, kennt das: Man steht mitten in einer Dynamik, die sich der Vorhersage entzieht. Oder konkret: Wir können trotz aller Prognosen noch nicht sicher wissen, wie sich die KI-Entwicklungen in 10 Jahren auf uns, unsere Organisationen und unsere Gesellschaft auswirken.

Entsprechend verschiebt sich auch die angemessene Handlungsstrategie: Es geht nicht um Durchplanen, sondern um das agile, tastende, experimentelle Vorgehen. Statt den perfekten Plan zu erarbeiten, arbeitest Du in einer Schleife aus Ausprobieren, Beobachten und Anpassen. Kleine, sichere Tests starten (probe), genau hinschauen, was daraufhin geschieht (sense), und dann reagieren (respond) hilft. Nicht die einmalige, große Entscheidung sichert den Erfolg, sondern die Fähigkeit, aus dem, was das System zurückmeldet, fortlaufend zu lernen.

Genau das meint „Unsicherheit gestalten“: nicht auf Gewissheit warten, sondern gestaltend in Bewegung bleiben. Und deshalb ist das Fachcamp Soziale Arbeit ein Barcamp und damit ein offenes, partizipatives Format, bei dem die Teilnehmenden – also Du und ihr 😉 – die Agenda selbst gestalten.

Konkret heißt das: Es gibt kein vorab festgelegtes Programm. Die Sessions werden am Morgen gemeinsam geplant. Eine Session dauert 45 Minuten und kann vom fachlichen Input mit anschließender Diskussion über eine offene Fragen, dem Erfahrungsaustausch bis hin zum gemeinsamen Weiterdenken reichen. Maßgeblich sind die Themen, die die Teilnehmenden einbringen.

Mit dem Fachcamp Soziale Arbeit richten wir uns bewusst an ein breites Publikum, an Fach- und Führungskräfte, aber auch an Studierende und Interessierte an und aus der Sozialen Arbeit. Denn es hilft ungemein, unabhängig von Rolle, hierarchischer Position oder Arbeitsbereich gemeinsam zu denken und auf neue Ideen zu kommen. Kurz: Du bist hier richtig, wenn Du Dich austauschen, neue Ideen entwickeln, alte loslassen und gemeinsam Lösungen anstreben willst – kollegialer Austausch, Inspiration und, ja, auch ein wenig Psychohygiene inklusive.

Die Eckdaten des Fachcamp Soziale Arbeit 2026 auf einen Blick

  • Wann: Dienstag, 24. November 2026, 9.00 bis 16.00 Uhr
  • Wo: Franz Sales Haus, Essen
  • Format: Barcamp – die Teilnehmenden gestalten die Agenda selbst
  • Tickets: 40 EUR regulär / 20 EUR für Studierende
  • Hier geht’s zur Anmeldung

Fachcamp Soziale Arbeit 2026: Sei dabei!!!

Unsicherheit lässt sich nicht vermeiden oder wegplanen. Aber sie lässt sich gestalten – reflexiv statt bloß reaktiv, und im kollegialen Austausch mit Menschen, die die gleichen Fragen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven bearbeiten.

Christian und ich freuen uns, das Fachcamp Soziale Arbeit 2026 anzukündigen, und darauf, die Themen am 24. November in Essen mit Dir gemeinsam zu vertiefen.

Hier kannst Du Dich anmelden.

Quellen:

  • Epe, H. (2026): Robustheit im Wandel: Organisationale Resilienz. In: Gesmann, S., Löhe, J. (Hrsg.): Von Scrum bis New Work: Managementmoden in der Sozialen Arbeit. Eine kritische Analyse von Führungs- und Organisationstrends. Opladen: Verlag Barbara Budrich. S. 75 – 94.
  • Graf, P. (2000): Soziale Organisationen als soziale Systeme. In: Hauser, A., Neubarth, R., Obermair, W. (Hrsg.): Sozial-Management: Praxis-Handbuch soziale Dienstleistungen. 2., erw. und überarb. Aufl. Neuwied: Luchterhand Verlag. S. 74 – 91.
  • Seliger, R. (2022): Systemische Beratung der Gesellschaft. Strategien für die Transformation. Heidelberg: Carl-Auer Verlag GmbH.

Fünf Schritte zur gelingenden Teamarbeit trotz Fachkräftemangel

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Die Arbeitswelt wandelt sich. Begriffe wie „agiles Arbeiten“, „Selbstorganisation“ und „New Work“ prägen den Alltag – auch in Organisationen der Sozialen Arbeit. Doch was ist darunter zu verstehen und vor allem: Was hilft, damit Organisationen der Sozialen Arbeit gelingende Teamarbeit trotz Fachkräftemangel ermöglichen können?

Zu dieser Frage haben Marion Kleinsorge und ich den folgenden Beitrag verfasst und hoffen, damit praxisnahe Antworten zu liefern, um den herausfordernden Alltag in Deiner Einrichtung bzw. Deinem Team positiv zu beeinflussen.

New Work – was steckt dahinter?

Wenn von „New Work“ die Rede ist, denken viele an Digitalisierung, Homeoffice oder ortsunabhängiges Arbeiten. Im Kontext der Sozialen Arbeit spielt das kaum eine Rolle: Oft verfügen Mitarbeitende nicht einmal über eine eigene dienstliche E-Mail-Adresse. Ihre Arbeit findet fast ausschließlich in der direkten Interaktion mit Klient:innen, Kolleg:innen, Angehörigen… statt.

Relevanter sind hier „New Work Dimensionen“ wie sinnstiftende Arbeit, Selbstorganisation, -bestimmung und -wirksamkeit, der Bedarf nach flexiblen Arbeitszeiten und die Möglichkeit, aktiv mitzugestalten. Damit sind wir mitten im Alltag von Organisationen der Sozialen Arbeit angekommen.

Problematisch wird es aber dann, wenn „New Work“ missverstanden wird: Wenn Organisationen New Work als reiner Fokus auf die Mitarbeitenden verstehen und beginnen, sich primär um ihre – hoch individuellen – Wünsche zu drehen, gerät der eigentliche Zweck – die Arbeit mit und für benachteiligte Menschen – aus dem Blick. Das gefährdet langfristig das Überleben der jeweiligen Einrichtung.

INFOBOX New Work:
Der Name Frithjof Bergmann ist historisch eng mit dem Konzept der „Neuen Arbeit“ verbunden. Mit “New Work” lieferte Bergmann in den 1980er Jahren einen Gegenentwurf zum Kapitalismus, verstanden als Abkehr von der klassischen Lohnarbeit (hier mehr dazu). Von seinen bis heute visionären Ideen ist vor allem der Satz geblieben, dass Menschen das tun sollten, was sie „wirklich, wirklich tun wollen“. Dieser Satz hat viel zu dem heute populären Bild von New Work beigetragen, das sich mit der Gestaltung von “selbstorganisierten und sinnstiftenden Organisationen, in denen es den Mitarbeitenden gut geht“, zusammenfassen lässt. Unter diesem Bild findet sich dann eine Vielzahl unterschiedlicher Möglichkeiten – vom Kickertisch über zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten bis hin zu „agilen Organisationen“. Klassische Merkmale von Organisationen haben es dagegen heute schwer: Hierarchien, klare Prozesse und einzuhaltende Regeln gelten als nicht mehr zeitgemäß – auch wenn sie nach wie vor ihre Berechtigung haben.

Statt also beliebig „irgendwas mit New Work“ zu implementieren oder gar „New Work Washing“ zu betreiben, gilt es, (nicht nur) in Zeiten des Fachkräftemangels die formale Team- und Organisationsstruktur zu gestalten.

Im Folgenden wird zunächst der Blick auf den Zweck von Organisationen der Sozialen Arbeit gerichtet, um darauf aufbauend konkrete Gestaltungsmöglichkeiten der formalen Organisationsstruktur aufzuzeigen – mit dem Ziel, gelingende Teamarbeit trotz Fachkräftemangel zu ermöglichen.

Wozu brauchen wir eigentlich Organisationen der Sozialen Arbeit?

Die Soziale Arbeit bzw. konkret Organisationen der Sozialen Arbeit fördern – so jedenfalls die Definition der Sozialen Arbeit – gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen (vgl. hier). Das ist hochgradig komplex.

Die Komplexität erhöht sich aber weiter, wenn die Arbeit „an der Basis“ in den Blick rückt:

Soziale Arbeit findet fast immer unmittelbar im direkten Kontakt mit den Menschen statt. Der direkte Kontakt jedoch ist kaum planbar und hoch individuell – jedes Kind ist anders, jede:r Jugendliche hat ihre individuellen Bedarfe, jeder Sozialraum ist anders. Das führt dazu, dass Mitarbeitende an der Basis der Sozialen Arbeit immer spontan entscheiden müssen. Sie agieren in “diffuser Allzuständigkeit” (vgl. hier, S. 166) zwischen den formalen und informalen Regeln, Mustern und Vorgaben der Organisation, den individuellen Anforderungen der Klient:innen und den Erwartungen der Gesellschaft.

Wie aber lassen sich Strukturen für diese hoch komplexen Arbeitswelten sinnvoll gestalten?

Strukturen funktional gestalten

Organisationsstrukturen dienen grundsätzlich dazu, Komplexität zu reduzieren. Das wird bspw. bei Stellenbeschreibungen deutlich. Hier ist geregelt, welche Aufgaben, wie lange und mit welchem Gehalt zu erledigen sind. Wenn jede:r Mitarbeiter:in täglich neu entscheiden würde, was, wie, wann und für welches Entgelt gearbeitet wird (oder auch nicht), wäre das Chaos vorprogrammiert.

Es lassen sich insgesamt vier “Bereiche formaler Strukturen” – sog. Entscheidungsprämissen – definieren, über die in Organisationen bewusst entschieden werden kann (vgl. näher z.B. hier):

  • Ziele und Zwecke (Wozu sind wir da? Was wollen wir erreichen?) verdeutlicht z.B. über das Leitbild oder die Organisationsstrategien
  • Entscheidungswege (Wer darf was entscheiden?) verdeutlicht z.B. über das Organigramm; Abteilungen, Teamstrukturen, Verantwortlichkeiten
  • Regeln und Prozesse (Wenn A passiert, ist B zu tun!) verdeutlicht z.B. über QM-Prozesse; Festlegung von Zeiten für Teambesprechungen
  • Personal (Welche Person übernimmt welche Aufgabe), verdeutlicht z.B. über Stellenprofile oder die Verteilung der Aufgaben innerhalb des Teams

Bis vor wenigen Jahren war es den Einrichtungen möglich, gute Personalentscheidungen bereits im Einstellungsverfahren zu treffen: Es wurde die Person eingestellt, die “am besten ins Team passt” oder “die eine zur Organisation passende pädagogische Haltung hat”. Auf diese Weise konnten motivierte, verantwortungsbewusste und fachlich kompetente Fachkräfte gewonnen und damit die Qualität gesichert werden. Diese Auswahlmöglichkeit ist in Zeiten des Fachkräftemangels kaum noch gegeben, da die Auswahl an geeigneten Personen sehr eingeschränkt ist (vgl. näher z.B. hier).

Da die Ziele und Zwecke oftmals klar sind (bzw. vom Team selbst nicht geändert werden können), folgt daraus, dass die Entscheidungswege (Zuständigkeiten) sowie die Regeln und Prozesse übrig bleiben, um darüber die Teamarbeit trotz Fachkräftemangel gelingend und damit “funktional” zu gestalten.

Fünf Schritte zur gelingenden Teamarbeit trotz Fachkräftemangel

Um eine möglichst hohe Qualität der erbrachten Leistungen zu gewährleisten, ist vor allem Klarheit auf allen Ebenen und in allen Rollen erforderlich. Dies wird erreicht durch Klarheit über das “Wozu” (Zweck der gemeinsamen Arbeit), die Erwartungen an Haupt- und Nebenrollen (Verantwortlichkeiten), den Verzicht auf Unnötiges und die Klärung von Regeln und Abläufen. Hilfreich sind die folgenden fünf Schritte:

  1. Das “Wozu” klären: Im ersten Schritt geht es darum, sich der gemeinsamen professionellen Grundhaltung bewusst zu werden und zu beschreiben, wozu es die Einrichtung gibt: Für wen sind wir da? Welchen Mehrwert wollen wir bieten? Wie machen wir das konkret? Neudeutsch spricht man hier vom „Purpose“, der ganz spezifisch für das Team und/oder die Einrichtung die Daseinsberechtigung beschreibt.
  2. Hauptrollen klären: Dann ist transparent zu machen, was von den Mitarbeitenden in ihrer jeweiligen Rolle (als Leitung, Erzieher:in, Kindheitspädagog:in, Kinderpfleger:in oder auch als ungelernte Kraft) erwartet wird. Sicherlich haben alle Erwartungen an die eigene Rolle und auch an die Rolle der anderen. Problematisch wird es, wenn die Erwartungen unklar sind und voneinander abweichen. Unausgesprochene, sogenannte informale Erwartungen führen zu Frustration – auf beiden Seiten. Deshalb braucht es klare Rollenbeschreibungen, in denen Aufgaben (Was genau ist in der Rolle zu tun?), Befugnisse (Was darf die Rolle entscheiden?) und Verantwortlichkeiten (Wofür ist die Rolle verantwortlich?) definiert sind.
  3. Nebenrollen klären: Der Versuch, den Betrieb trotz Fachkräftemangel aufrechtzuerhalten, führt häufig dazu, dass vor allem Leitungskräfte ihre Leitungsaufgaben vernachlässigen, um im pädagogischen Alltag “einzuspringen”. Dies wird sich nicht gänzlich vermeiden lassen. Durch die Klärung und Verschriftlichung der Erwartungen an die “Hauptrollen” (s.o.) wird deutlich, dass Aufgaben ggf. auch von anderen Mitarbeitenden übernommen werden können. Darüber hinaus ist es sinnvoll, einzelne Aufgaben in “Nebenrollen” (Mandate bzw. Verantwortungsbereiche) zusammenzufassen und zu festzulegen, wer im Team für das jeweilige Mandat verantwortlich ist, welche Aufgaben mit dem Mandat einhergehen und welche Entscheidungsbefugnisse im Mandat liegen.
  4. “Unnötiges” klären: Es wird nicht möglich sein, alle Aufgaben wie bisher weiterzuführen. Deshalb sollte auch Klarheit hergestellt werden über das, was nicht mehr leistbar ist. Hier hilft der Blick auf das Konzept der Exnovation – verstanden als Pendant zur Innovation und Grundlage jeder Weiterentwicklung. Hier geht es darum, Raum für Neues zu schaffen – oder vielleicht auch nur darum, konkrete Ansatzpunkte zu finden, was in Zukunft weggelassen werden kann, um überhaupt wieder Luft zum Atmen zu bekommen.
  5. Den Rest klären: Damit ist gemeint, zu beachtende ‘Grundregeln’ (Regeln und Prozesse) transparent zu machen. Das beginnt bei Zeiten für Teambesprechungen, geht über die Struktur der Besprechungen oder die Frage, wer moderiert und dokumentiert, bis hin zur Frage, wie Entscheidungen im Team getroffen werden. So werden Teamsitzungen effizienter, es ist klar, wer Protokoll schreibt, und es werden schnell gute und verbindliche Entscheidungen getroffen.

Das Team-Handbuch als Orientierung

Die Ergebnisse dieser Klärungen sollten in einem Team-Handbuch schriftlich festgehalten werden. Damit wird Orientierung für bestehende Mitarbeitende gegeben, die Einarbeitung neuer Mitarbeiter:innen erleichtert und Konflikte reduziert, da klarer zwischen Rolle und Person unterschieden werden kann: Statt die ganze Person zu kritisieren, kann die Kritik auf die Rolle fokussiert werden (Peter hat in seiner Rolle als Erzieher die formalen Erwartungen nicht erfüllt). Darauf aufbauend können konkrete Lösungen erarbeitet werden, wie die Rollenerwartungen in Zukunft besser erfüllt werden können.

Damit es praxistauglich bleibt, sollte das Team-Handbuch möglichst schlank gehalten werden. Außerdem ist es wichtig, dass die darin formulierten Leitlinien und Regeln der gemeinsamen Teamarbeit nicht “in Stein gemeißelt” sind, sondern regelmäßig (z.B. jährlich) aktualisiert werden. Denn Rahmenbedingungen ändern sich ebenso wie die Zusammensetzung des Teams und Regeln von gestern sind morgen nicht mehr unbedingt hilfreich. Deshalb sollte bereits bei der Erarbeitung und Verabschiedung des ersten Entwurfs vereinbart werden, wann genau eine Überprüfung und Überarbeitung ansteht.

Befreiende Strukturen für gelingende Teamarbeit – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels

Zusammenfassend ist der Fachkräftemangel nicht wegzudiskutieren und führt dazu, dass es immer schwieriger wird, genügend (und geeignetes) Personal für die eigene Einrichtung zu finden. Statt jedoch mit falsch verstandenen “New Work”-Maßnahmen und orientierungsloser Selbstorganisation um neue Mitarbeitende zu werben, plädieren wir für die Gestaltung klarer Strukturen der gemeinsamen Zusammenarbeit.

Diese Strukturen bilden den Rahmen, innerhalb dessen ein sicheres, vertrauensvolles und wertschätzendes Miteinander möglich wird, das von kontinuierlicher individueller und gemeinsamer Entwicklung geprägt ist. Teams in Organisationen der Sozialen Arbeit, die auf dieser Basis zusammenarbeiten, werden zu starken Teams und bieten – auch in Zeiten des Fachkräftemangels – beste Voraussetzungen für gute Arbeit.

Auf den ersten Blick scheint dies dem populären Verständnis von New Work zu widersprechen. Doch auf den zweiten Blick schaffen Strukturen Sicherheit – eine Sicherheit, die neue Freiheiten und Freiräume in der hochkomplexen Sozialen Arbeit ermöglicht.

Daraus können im besten Fall sogar neue Nischen entstehen, um neue Probleme wahrzunehmen und Raum für zukünftige Lösungen zu bieten.


P.S.: Hier findest Du unseren Podcast, in dem wir aktuell eine Staffel zum Thema Fachkräftemangel aufnehmen. Viel Spaß beim Hören!