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Quartiere stärken gegen rechts: Demokratieresilienz im Sozialraum gestalten

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Ich habe „Nazis raus” an die Unterführung in meinem Heimatdorf gesprüht. Das ist jetzt etwa 30 Jahre her. Im Sauerland, weit weg von weltpolitischen Geschehnissen. Manchmal sind wir nach Köln gefahren und haben dann in der Ehrenstraße gesessen – mit schwarzen Docs und roten Schnürsenkeln. Damals, Mitte der 90er Jahre, ging es irgendwie bergauf: Wiedervereinigung, Mauerfall, Ende des Kalten Kriegs, das Internet mit all seinen Möglichkeiten, das erste Klapphandy usw. Wir haben uns cool gefühlt. Nein, ich habe damals sicherlich nicht erahnen können, dass „Nazis raus“ heute, kurz vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, tatsächlich ein Thema wird und es notwendig erscheint, einen Beitrag über die Stärkung von Demokratieresilienz im Sozialraum zu schreiben.

Aber wir leben in einer Zeit, in der nicht alles bergauf, sondern – zumindest gefühlt – eine ganze Menge in unserem Land massiv bergab zu gehen scheint. Das bewegt Menschen. Und das bewegt Menschen auch dazu, eine gesichert rechtsextreme Partei zu wählen, deren Namen ich hier nicht erwähnen will. Aus der Wahl dieser Partei ergeben sich – gesichert – keinerlei Lösungen für die aktuellen, hoch komplexen Herausforderungen unserer Gesellschaft. Im Gegenteil: Es wird unfassbar viel Gutes zerstört werden – auf Bundes-, Landes-, Kreis- und kommunaler Ebene, in den Gemeinden und ganz konkret bei den Menschen vor Ort. Mit dem Beitrag will ich hier hinschauen – auf das Konkrete, auf Städte, Gemeinden, die Sozialräume und zu den Menschen vor Ort mit der Frage:

Wie kann es gelingen, in Städten und Gemeinden Strukturen zu schaffen, die den Sozialraum widerstandsfähig machen, so dass antidemokratische Kräfte keinen Halt finden?

Dabei geht es mir nicht darum, Menschen von der Demokratie zu überzeugen, sondern darum, Strukturen in Stadtteilen und Gemeinden zu bauen, in denen Demokratie auch dann trägt, wenn es schwierig wird. Das klingt alles noch etwas theoretisch, oder? Ein Blick in die konkrete Arbeit, beispielsweise von Stadtteilzentren oder im Gemeinderat, macht es jedoch deutlich:

Dort sagt jemand einen Satz jenseits der berühmten Brandmauer, der vor ein paar Jahren noch massiven Widerspruch ausgelöst hätte und niemand widerspricht. Im Sportverein übernimmt ein neuer, engagierter Vorstand die Jugendarbeit und irgendwann fällt auf, dass sich der Ton der Vereinszeitung ganz übel verändert hat. Im Gemeinderat wird über den geplanten Umbau des Spielplatzes gestritten und aus dem Streit über Beton und Bäume wird ein Streit darüber, „wer hier eigentlich noch dazugehört”. Keiner dieser Momente für sich genommen ist eine Katastrophe. Zusammengenommen sind sie jedoch das Vorzeichen einer antidemokratischen Verschiebung nach rechts.

Die Beobachtung, wie rechtsextreme und demokratiefeindliche Kräfte im Sozialraum Fuß fassen, zeigt selten die große Konfrontation – dafür sind die rechten Spacken nicht blöd genug. Zu sehen ist vielmehr ein langsames Einsickern in die Strukturen, die eine Nachbarschaft zusammenhalten: in Vereine, den Gemeinderat, die Elterninitiativen, Feuerwehren, die Kommentarspalten lokaler Facebook-Gruppen und die Leerstellen, die entstehen, wenn öffentliche und zivilgesellschaftliche Angebote weniger tragen.

Aufklärung darüber und der Versuch, Menschen jeden Alters Demokratie näherzubringen, liegen nahe und sind und bleiben wichtig. Aber die Frage nach demokratieresilienten Strukturen bleibt unbeantwortet. Da die Verhältnisse das Verhalten von Menschen jedoch stärker prägen als oft angenommen, lohnt es sich, hierhin – auf diese Strukturen – zu schauen.


P.S.: Der Beitrag ist (unter anderem auch) entstanden als Vorbereitung auf einen Vortrag, den ich in einem Stadtteilzentrum zum o.g. Thema halten werde.


Das Naheliegende reicht nicht

Wenn im Stadtteil, in der Gemeinde oder in der Nachbarschaft etwas ins Rutschen gerät, wird meist intuitiv reagiert: „Wir müssen die Menschen erreichen. Wir müssen überzeugen, aufklären, ins Gespräch kommen.“

Das ist gut gemeint und grundsätzlich nicht falsch, aber es verkürzt das Problem auf die Frage der Gesinnung, der persönlichen Haltung und des „Mindsets“ einzelner Menschen. Es unterstellt, dass Demokratiefeindlichkeit vor allem ein Defizit in den Köpfen einzelner Personen sei, das sich mit den richtigen Argumenten beheben ließe.

Diese Verkürzung führt jedoch in die Irre. Sie überschätzt die Wirkung von – definitiv notwendiger – Überzeugungsarbeit: Wer schon einmal versucht hat, den komischen Onkel bei der Weihnachtsfeier am Küchentisch „umzustimmen“, weiß das. Die Verkürzung lenkt den Blick auf die individuelle Ebene, obwohl das Problem – wie so oft – strukturell ist. So wird aus einer Frage der sozialräumlichen (Infra-)Struktur eine Frage persönlicher Haltung.

Aus der system(theoret)ischen Organisationsentwicklung wissen wir jedoch, dass man nicht weit kommt, wenn man eine Organisation über die Arbeit an der Haltung und den Einstellungen der einzelnen Mitarbeitenden verändern will. Es ist in Organisationen deutlich erfolgversprechender, an den Strukturen anzusetzen, also an Regeln, Hierarchien, Kopplungen, Kommunikationswegen, Rollen usw., da sich Verhalten an Strukturen orientiert und nicht umgekehrt.

Ähnliches gilt für den Sozialraum, was sich in einem Video eines Bekannten zeigt, der gerade mit dem Rad nach Schweden fährt und dabei in ein Schützenfest irgendwo auf einem norddeutschen Dorf gerät: Im Hintergrund läuft ziemlich laut Musik von den Böhsen Onkelz. Ich könnte kotzen und stelle mir gleichzeitig vor, wie schwer es für Menschen, vor allem für Jugendliche, auf dem Dorf ist, sich dieser Scheiße entgegenzustellen, die Musik abzudrehen und dagegen zu sein. Deutlich einfacher ist es, mitzumachen. Die Verhältnisse bestimmen das Verhalten.

Und ja, ein Sozialraum ist keine Organisation: Niemand ist ‚Mitglied‘, entsprechend kann die Mitgliedschaft nicht einfach beendet, man kann nicht gekündigt werden. Es gibt auch keinen bei Gründung des Quartiers entschiedenen „Zweck“ und keine formal festgelegte Hierarchie in einer Nachbarschaft. Aber das Grundprinzip – Verhalten orientiert sich an Strukturen, und Strukturen lassen sich gestalten, Beziehungsgefüge ebenso wie Regeln – lässt sich übertragen.

Kurz gesagt: Es geht weniger um die Frage, wie wir Menschen von Demokratie überzeugen, sondern darum, wie es gelingt, Stadtteile, Nachbarschaften, Gemeinden zu gestalten, in denen Demokratie auch dann trägt, wenn es schwierig wird. Das ist eine Verschiebung der Aufmerksamkeit von Personen zu Verhältnissen. Mit dieser Verschiebung werden Handlungsmöglichkeiten eröffnet, die häufig von der personenzentrierten Perspektive verstellt werden.

Aber (um das noch einmal explizit zu betonen): Strukturarbeit und Überzeugung für Demokratie sind kein „Entweder… oder…“. Der Hebel Struktur scheint mir jedoch manchmal vernachlässigt.

Was antidemokratische Kräfte im Sozialraum tatsächlich tun

Um zu verdeutlichen, warum eine strukturelle Antwort erforderlich ist, lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Strategie antidemokratischer Kräfte. Denn rechtsextreme Raumnahme folgt einem erkennbaren Muster. Ich bin kein Experte, aber drei von vermutlich noch viel mehr Aspekten machen das strategische Vorgehen, das Muster, deutlich. Und wenn man die Muster kennt, kann gezielter dagegen vorgehen:

  • Die Besetzung von Leerstellen: Wo sich öffentliche Daseinsvorsorge und zivilgesellschaftliches Engagement zurückziehen – geschlossene Jugendtreffs, ausgedünnter Nahverkehr, verwaiste Dorfgemeinschaftshäuser, geschlossene Schwimmbäder –, entstehen Vakuen. Diese bleiben nicht leer, sondern werden gefüllt. Das Kümmern um das Konkrete – der organisierte Fahrdienst, das Sommerfest, die Nachhilfe – ist ein hochwirksames Einfallstor, weil es Vertrauen und Anschluss schafft, lange bevor Ideologie ins Spiel kommt.
  • Die Vereinnahmung bestehender Strukturen: Vereine, Elternbeiräte, Nachbarschaftsinitiativen sind niedrigschwellig und offen. Das ist ihre demokratische Stärke und zugleich ihre Verwundbarkeit. Wer sich engagiert, gewinnt Einfluss. Es braucht keine Mehrheit, um den Ton zu verschieben; es braucht Ausdauer und die Trägheit der anderen.
  • Das Andocken an reale Konflikte: Nachbarschaftskonflikte, Verteilungsfragen und das Gefühl, „nicht mehr gehört zu werden“, sind reale Probleme, die durch die aktuelle Politik leider eher befeuert als gelöst werden. Antidemokratische Deutungsangebote leben davon, diesen realen Erfahrungen eine einfache, spaltende Erzählung überzustülpen. Sie kapern diese Konflikte und nutzen sie.

Die drei Bewegungen haben eine Gemeinsamkeit: Sie zielen nicht auf einzelne Personen, sondern auf die Strukturen und Beziehungsgefüge eines Sozialraums. Es ist ein Angriff auf das Netzwerk, das Gewebe der Nachbarschaft. Und Angriffe auf Strukturen verlangen strukturelle Antworten.

Resilienz – und was oft damit verwechselt wird

Über Resilienz habe ich hier auf dem Blog und im Beitrag „Robustheit im Wandel: Organisationale Resilienz“ (Epe, 2024) ausführlich geschrieben. Kaum ein Begriff wurde in den letzten Jahren so stark strapaziert wie „Resilienz”. Seit den 2000er Jahren erlebt er einen regelrechten Boom. Deshalb ist eine Präzisierung erforderlich, um vor allem zwei Missverständnisse auszuräumen:

Das erste Missverständnis steckt bereits in der Wortherkunft: „Resilienz” leitet sich vom lateinischen Verb resilire ab, was so viel wie zurückspringen oder abprallen bedeutet, und bezeichnete ursprünglich die physikalische Fähigkeit eines Körpers, nach einer Verformung wieder in seine ursprüngliche Form zurückzukehren (vgl. Bonß 2015). Der Schwamm wird hier immer als Beispiel herangezogen. Daraus ergibt sich die naheliegende, aber verkürzte Vorstellung, Resilienz bedeute, nach einer Störung oder auch Krise in den alten Zustand zurückzukehren, genau wie ein Schwamm, den man zusammendrückt und der zurückkommt in seine ursprüngliche Form. Übertragen auf den Sozialraum wäre das die Idee, ein Quartier müsse nach einer Krise einfach wieder so werden, wie es vorher, wie es früher war. Die neuere organisationale Resilienzforschung geht darüber hinaus. Sie unterscheidet zwischen a) einfacher und b) reflexiver Resilienz (vgl. Bonß 2015):

  • Die a) einfache Resilienz fragt nur, was akut zu tun ist, wenn die Krise bereits eingetreten ist, also wie man schnell wieder handlungsfähig wird bzw. als Schwamm schnell wieder in die ursprüngliche Form kommt (denke an Spongebob…). Einfache Resilienz ist entsprechend reaktiv wohingegen b) reflexive Resilienz proaktiv zu verstehen ist.
  • Die b) reflexive Resilienz zielt darauf ab, das Eintreten von Krisen von vornherein zu verhindern und sich vorausschauend zu wandeln.

In derselben Logik trennt die Forschung „Bounce Back” (Zurück zum Normalbetrieb) von „Bounce Forward” – der Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen und sich als System grundlegend weiterzuentwickeln (vgl. Kny et al. 2024). Entsprechend beschreibt Hoffmann (2017) organisationale Resilienz nicht als bloße Rückkehr, sondern als fortlaufende Anpassung, die den Bestand eines sozialen Systems sichert und dessen Weiterentwicklung ermöglicht.

Übertragen auf den Sozialraum bedeutet das entsprechend, dass ein widerstandsfähiger Sozialraum nicht einfach zurückkehrt zu einem „vorher“, sondern er lernt, passt sich an und verändert sich.

Ein zweites, folgenreicheres Missverständnis besteht darin, dass Resilienz als Eigenschaft von Personen betrachtet wird und man versucht, Menschen „stärker“, „widerstandsfähiger“ oder „krisenfester“ zu machen. Dies ist eine individualisierende Lesart, die geradewegs zurück zur oben skizzierten falschen Frage führt. Denn sie verortet die Widerstandsfähigkeit in einzelnen Menschen. Eine der frühen Bestimmungen organisationaler Resilienz rückt hingegen nicht die Standhaftigkeit einzelner Teile, sondern deren strukturelle Verknüpfungen und die Art, wie sich Veränderung durch das ganze System hindurch fortpflanzt, in den Mittelpunkt (vgl. Horne 1997, zit. n. Hoffmann 2017). Damit wird Resilienz nicht als Widerstandskraft verstanden, die man bzw. jemand hat, sondern als Gestaltungspotenzial, das in den Strukturen eines sozialen Systems liegt.

Wiederum übertragen auf sozialräumliche Resilienz heißt das, dass sie somit nicht in einzelnen, mutigen Menschen entsteht, sondern im System. Sie liegt in den Verbindungen, den Kopplungen, den Beziehungen, den Normen sowie den formalen und informalen Regeln und somit zwischen den Akteuren eines Quartiers.

Ein Sozialraum, ein Stadtteil, eine Nachbarschaft oder ein Quartier ist genau in dem Maße resilient, in dem seine Teile miteinander verbunden, füreinander ansprechbar und gemeinsam handlungsfähig sind. Die Resilienz-Ressource ist somit nicht die Standhaftigkeit Einzelner, sondern die Tragfähigkeit der Strukturen des sozialen Systems „Sozialraum“.

Und Strukturen lassen sich gestalten: Man kann Kopplungen stärken, Verbindungen stiften und Handlungsfähigkeit organisieren. Demokratische Haltung, Gesinnungen, ein „Demokratiemindset“ kann man kaum vorgeben oder beeinflussen, Strukturen hingegen sehr wohl. Damit wird sozialräumliche Demokratieresilienz zu etwas, das aktiv gestaltbar ist, statt es dem Zufall individueller Überzeugungen zu überlassen.

Woraus sozialräumliche Demokratieresilienz entsteht

Wenn Resilienz in den Strukturen und Beziehungen eines Sozialraums verankert ist, woran genau erkennt man dann dessen Widerstandsfähigkeit? Zur Beantwortung lohnt neben der Befassung mit Resilienz ein Blick in die empirische Forschung. Dazu zwei interessante Quellen:

Das Berliner Forschungsinstitut Camino hat im Praxisforschungsprojekt „Resiliente Sozialräume” (vgl. bspw. hier) an der Schnittstelle von Quartiers-, Community- und Extremismusforschung analysiert, warum sich in belasteten Stadtteilen viele Menschen trotz vorhandener Risikofaktoren nicht radikalisieren und welche sozialräumlichen Schutzfaktoren dafür verantwortlich sind (vgl. Camino 2021).

Zum anderen beschreibt die Community-Resilience-Forschung die Widerstandskraft eines Gemeinwesens als Funktion seines sozialen Kapitals, also der Summe, Dichte und Stärke der Bindungen zwischen seinen Mitgliedern (vgl. Beerlage 2023). Beide Ansätze bestätigen, was systemisch zu erwarten war:

Resilienz ist eine Eigenschaft des Gefüges und nicht der Haltungen einzelner Personen.

Fasst man diese Befunde mit den Resilienzquellen aus der Organisationsforschung zusammen, lassen sich sechs Dimensionen unterscheiden, die ich für zentral halte:

  • Vernetzung: Wie dicht und tragfähig sind die Beziehungen zwischen den Akteuren? Und: Gibt es Brücken zwischen unterschiedlichen Milieus und nicht nur innerhalb einzelner „Blasen“? Hier setzt soziales Kapital an: Erst die Verknüpfung über die eigene Gruppe hinaus – in der Netzwerkforschung die „schwachen Bindungen“ (weak ties, Granovetter) – macht ein Quartier tragfähig. In der Camino-Studie erwies sich eine lokale, mit anderen Akteuren eng vernetzte Einrichtung als entscheidender Knotenpunkt der Resilienzbildung (vgl. Camino 2021).
  • Vielfalt und Repräsentation: (Wie) werden unterschiedliche Gruppen im Quartier sichtbar, gehört und beteiligt? Wer fehlt strukturell am Tisch? Politische Bildung im Sozialraum lebt davon, Meinungsvielfalt zuzulassen und Räume für kontroverse Auseinandersetzung zu schaffen, statt einfache Wir-gegen-die-Deutungen zuzulassen (vgl. Camino 2022).
  • Deutungsfähigkeit: (Wo) gibt es Orte und Formate, an denen Konflikte offen bearbeitet werden, bevor andere sie deuten? Wer erzählt die Geschichte des Stadtteils? Antidemokratische Akteure greifen reale Konflikte und Diskriminierungserfahrungen gezielt auf und überformen sie mit einem unterkomplexen, dualen Weltbild wohingegen ein resilienter Sozialraum den Deutungen eigene, differenzierte Deutungen entgegen hält (vgl. Camino 2021).
  • Handlungsfähigkeit: (Wie) können die Akteure bei Vorfällen schnell und abgestimmt reagieren? Oder bleibt jeder für sich? Netzwerke erhöhen die Handlungsfähigkeit nicht nur im Ernstfall, sondern auch präventiv, und helfen, Vorfälle richtig einzuschätzen statt alarmistisch zu reagieren (vgl. Camino 2022). Ein oft zitiertes Beispiel: Als im untersuchten Quartier Rekrutierer ???? auftraten, rief eine Einrichtung die Eltern zusammen – die daraufhin gemeinsam handelten (vgl. Camino 2021).
  • Verlässliche Infrastruktur: Wie demokratierobust sind Treffpunkte, Angebote und öffentliche Räume? Wo entstehen Leerstellen, die von antidemokratischen Kräften besetzt werden können? Wo öffentliche Daseinsvorsorge zurückgeht, entstehen genau die Vakuen, die antidemokratische Akteure mit „Kümmern“ und Präsenz füllen. Verlässliche soziale Orte – von der Jugendeinrichtung bis zum Nachbarschaftstreff – sind damit selbst ein Schutzfaktor.
  • Reflexions- und Lernfähigkeit: (Wie) schaut das Quartier auf sich selbst? (Wie) werden Vorfälle ausgewertet und Konsequenzen gezogen. Die Camino-Forschung deutet sogar die kollektive Erinnerung an frühere Radikalisierungsfälle als resiliente Funktion: Ein Quartier, das seine eigenen Krisen kennt und bespricht, ist wachsamer (vgl. Camino 2021).

Man kann diesen sechs Dimensionen eine siebte, querliegende Dimension zur Seite stellen: eine geteilte, aber nicht erzwungene demokratische Wertebasis als Sinnhorizont, der die anderen Dimensionen zusammenhält. Sie entspricht dem, was die Community-Resilience-Forschung die „kulturelle Dimension sozialen Kapitals“ nennt – geteilte Werte und Normen der Reziprozität und Toleranz (vgl. Beerlage 2023).

Jede dieser Dimensionen benennt keine Eigenschaft von Personen, sondern eine Beschaffenheit des sozialen Gefüges. Und jede lässt sich beobachten, einschätzen und auch gestalten.

Vom Konzept zum Instrument, oder: Der sozialräumliche Demokratieresilienz-Check

Wenn sich Demokratieresilienz an sechs (bzw. sieben) beobachtbaren Dimensionen festmachen lässt, dann lässt sich fragen, ob sie sich auch gemeinsam einschätzen lässt – im Sinne eines „Demokratieresilienz-Checks für Stadtteile und Gemeinden“?

Hintergrund des Gedankens ist die Überlegung, von der rein theoretischen Darlegung hin zu einem konkreten Instrument zu kommen, das für Kommunen, Gemeinden, Stadtteilzentren konkret nutzbar ist. Der Check kann jedoch kein reines Bewertungsinstrument sein, das von außen ein Urteil fällt („Ihr Quartier erreicht 43 von 70 Punkten“). Er sollte ein Instrument der Selbstbewertung und Selbstverständigung sein und die Akteure eines Sozialraums einladen, gemeinsam – entlang der sechs Dimensionen – zu fragen: Wo sind wir stark? Wo sind wir verwundbar? Wo haben wir Leerstellen, die andere besetzen könnten?

Der Wert des Instruments kann damit weniger im Ergebnis als im Gespräch gesehen werden, das es auslöst. Denn allein das Gespräch lässt sich als ein Akt der Vernetzung verstehen.

Ich habe mal versucht, den Resilienz-Check als eigenständiges Instrument mit konkreten Leitfragen zu jeder Dimension auszuarbeiten, das so – bspw. in einer Stadtteilkonferenz, in einer Vereinsrunde oder im Team eines Stadtteilzentrums – als Gesprächsgrundlage angewendet werden kann:

Schon hier der Hinweis, dass ich mich sehr über Rückmeldungen, Ergänzungen und Anmerkungen dazu freue – hier im Blog als Kommentar oder hier per Mail.

Ein sozialräumlicher Demokratieresilienz-Check, der nur zu einer Standortbestimmung führt, verpufft jedoch. Der eigentliche Sinn liegt – wie so oft – im nächsten Schritt:

Es gilt, aus den erkannten Schwachstellen konkrete Gestaltungsaufgaben zu machen:

  • Zeigt sich, dass die Brücken zwischen den Milieus fehlen, wird Vernetzung zur Aufgabe.
  • Zeigt sich, dass niemand weiß, wen man bei einem Vorfall kontaktieren kann, wird Handlungsfähigkeit zur Aufgabe.
  • Zeigt sich, dass ein Angebot wegzubrechen oder konkret die Schließung der Dorfkneipe droht, wird das Schließen der Leerstelle zur Aufgabe, bevor sie von antidemokratischen Kräften gefüllt wird.

Das Stadtteilzentrum als Netzwerkknoten sozialräumlicher Demokratieresilienz

Zu erkennen, dass aus den erkannten Schwachstellen im Sozialraum konkrete Gestaltungsaufgaben zu machen sind, ist (verhältnismäßig) einfach. Wenn jedoch Zuständigkeiten, klare Rollen und damit wiederum die Struktur fehlt, verpufft die Handlungsenergie schnell – auch das kennen wir aus Organisationen: „Wenn man mal nicht weiterweiß, gründet man nen Arbeitskreis!“

Aber wer kann für die sozialräumliche Demokratieresilienz zuständig sein? Wer kann als Ansprechpartner fungieren?

Hier kommen Stadtteilzentren ins Spiel. Sie lassen sich – systemisch gesprochen – als eine Art Grenzstelle, als Ort, an dem ein System mit seiner Umwelt in Kontakt tritt, bezeichnen. Hier treffen unterschiedliche Bereiche, Milieus und Akteure eines Sozialraums aufeinander und können miteinander in Kontakt kommen.

Genau dort, an den Grenzstellen, entstehen die für Demokratieresilienz notwendigen Kopplungen. Ein Stadtteilzentrum schafft die Gelegenheiten, an denen Beziehungen entstehen, an denen sich Menschen begegnen, die sich sonst nicht begegnen würden, an denen aus vielen Einzelnen ein tragfähiges Netz werden kann. Es ist ein Ermöglicher von Resilienz durch Struktur.

Und als übergreifender Gedanke und kleine Erinnerung:

Soziale Arbeit fördert als Disziplin und Profession „gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen. Die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlage der Sozialen Arbeit“ (Internationale Definition der Sozialen Arbeit).

Demokratie ist kein Zustand

Zurück zur Eingangsszene – zu dem Satz auf der Stadtteilkonferenz, dem niemand widersprach. Ob ihm jemand widerspricht, hängt weniger von der Tapferkeit einzelner Anwesender ab, als von der Frage, ob dieser Sozialraum eine tragende Struktur hat: Miteinander verbundene Akteure, geübte Formen des Austragens von Konflikten, verlässliche Orte der Begegnung, die Fähigkeit, Konflikte selbst zu deuten.

Demokratie ist kein gottgegebener Zustand. Sie ist nichts, was durch ein Bekenntnis gesichert wäre. Sie ist etwas, das – auch und gerade im Sozialraum – immer wieder neu hergestellt werden muss. In alltäglichen Beziehungen, in Strukturen, in vereinbarten Regeln und Normen, in Kopplungen zwischen den Menschen. Das kann proaktiv gestaltet werden.

Wir sind antidemokratischen Tendenzen nicht ausgeliefert und auf die Überzeugungskraft einzelner Menschen angewiesen. Wir können an Strukturen arbeiten, die einen Stadtteil resilienter, widerstandsfähiger machen.

Quellen:

  • Beerlage, Irmtraud (2023): Resilienz von Gemeinschaften, Städten und Gemeinwesen / Community Resilience. Hintergründe, Verständnis und Modelle. In: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit.
  • Bonß, Wolfgang (2015): Karriere und sozialwissenschaftliche Potenziale des Resilienzbegriffs. In: Endreß, Martin; Maurer, Andrea (Hrsg.): Resilienz im Sozialen. Wiesbaden: Springer VS.
  • Camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich (2021): Resiliente Sozialräume und Radikalisierungsprävention. Eine empirische Studie zu Schutzfaktoren im städtischen Raum. Berlin (veröffentlicht bei ufuq.de).
  • Camino (2022): Leitfaden Resilienzstärkung von Sozialräumen. Berlin (Projekt „Resiliente Sozialräume und Radikalisierungsprävention“, Bundesprogramm „Demokratie leben!“).
  • Epe, Hendrik (2025): Robustheit im Wandel: Organisationale Resilienz. In: Gesmann, S.; Löhe, J. (2025, Hrsg.): Von Scrum bis New Work: Managementmoden in der Sozialen Arbeit – Eine kritische Analyse von Führungs- und Organisationstrends. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich. S. 75 – 94.
  • Hoffmann, Gregor Paul (2017): Organisationale Resilienz. Grundlagen und Handlungsempfehlungen für Entscheidungsträger und Führungskräfte. Wiesbaden: Springer.
  • Horne, John F. III (1997): The coming age of organizational resilience. In: Business Forum, Jg. 22, Heft 2/3/4, S. 24–28.
  • Kny, Josefa; Scheffel, Franka; Peters, Stephan (2024): Resilienzkulturen. Was Non-Profit- und For-Profit-Organisationen im Umgang mit Krisen voneinander lernen können. Eschborn: Randstad Stiftung.
  • Weiß, Matthias; Hartmann, Silja; Högl, Martin (2018): Resilienz als Trendkonzept. Über die Diffusion von Resilienz in Gesellschaft und Wissenschaft. In: Karidi, Maria; Schneider, Martin; Gutwald, Rebecca (Hrsg.): Resilienz. Interdisziplinäre Perspektiven zu Wandel und Transformation. Wiesbaden: Springer, S. 12–32.