Ich komme gerade aus der letzten Leitungsklausur vor meinem Urlaub. Thema war die Strategieentwicklung einer Organisationseinheit eines großen sozialen Trägers. Konkret ging es für einen Sozialen Dienst im Ruhrgebiet um die Erarbeitung strategischer Stoßrichtungen bis 2030. Diese orientieren sich an von der Gesamtorganisation vorgegebenen strategischen Themen. Ich bin ein großer Freund strategischer Arbeit, auch und gerade in Organisationen der Sozialwirtschaft. Trotzdem wird dabei immer wieder deutlich, dass es angesichts der aktuell absehbaren Entwicklungen herausfordernd ist, diesen langfristigen Blick in die Zukunft zu werfen. Die Frage ist, wie es gelingen kann, nicht nur auf die Unsicherheiten zu reagieren, sondern diese und damit auch die Zukunft der Sozialen Arbeit zu gestalten. Genau darum geht es in diesem Beitrag – verbunden mit dem Hinweis auf das Fachcamp Soziale Arbeit 2026, in dem wir uns diesem Thema explizit widmen werden.
tl;dr: Am Dienstag, den 24. November 2026, findet das Fachcamp Soziale Arbeit 2026 im Franz Sales Haus in Essen statt – von 9.00 bis 16.00 Uhr, im Barcamp-Format, unter der Leitfrage „Unsicherheit gestalten – die Zukunft der Sozialen Arbeit“. Christian Müller aka sozial-pr.net und ich laden Dich herzlich dazu ein. Hier geht’s direkt zur Anmeldung – aber das Lesen des Beitrags lohnt sich trotzdem 😉
Unsicherheit als Normalzustand
Es ist fast schon eine Binsenweisheit:
Die Herausforderungen für Organisationen der Sozialen Arbeit nehmen zu, und sie werden perspektivisch nicht abnehmen. Zu nennen sind Finanzierungsengpässe und knapper werdende öffentliche Mittel, digitale Entwicklungen mit der Frage, was der Einsatz Künstlicher Intelligenz mittelfristig für die Erbringung sozialer Dienstleistungen bedeutet, Investitionsnotwendigkeiten mit Blick auf ökologische Nachhaltigkeit, der absehbar weiter zunehmenden Fach-, Arbeits- und Führungskräftemangel, die Demokratiekrise und vieles mehr.
Viele dieser Herausforderungen lassen sich nicht organisationsindividuell lösen. Hier sind politische Entscheidungen gefragt bei die aktuell leider auch mehr Fragen aufwerfen, als Klarheit zu bringen.
Gleichzeitig sind Organisationen der Sozialwirtschaft und insbesondere Führungskräfte gefordert, mit den aktuellen und zukünftigen Themen, Krisen und Herausforderungen umzugehen und die Überlebensfähigkeit ihrer Organisation zu sichern.
Das macht strategische Arbeit so anspruchsvoll: Der notwendige, langfristige Blick nach vorn trifft auf eine Umwelt, deren Entwicklung sich kaum verlässlich prognostizieren lässt. Unsicherheit ist damit weniger ein vorübergehender Ausnahmezustand, auf den irgendwann wieder „Normalität“ folgt, als vielmehr die dauerhafte Rahmenbedingung, unter der Organisationen der Sozialen Arbeit agieren – und schon immer agiert haben.
Entscheidend ist entsprechend nicht, wie sich Unsicherheit vermeiden lässt, sondern wie sie sich gestalten lässt.
Organisationale Resilienz, oder: Von der reaktiven zur reflexiven Bewältigung
Ein Konzept, das hier weiterführen kann, ist die organisationale Resilienz (vgl. Epe 2026).
Resilienz wird meist auf Individuen bezogen und als Krisenfestigkeit verstanden wird, bei dem es darum geht, nach einer Krise wieder in einen vormaligen Ausgangszustand zurückzukehren ist – gerade mit Blick auf Organisationen – die Unterscheidung von einfacher und reflexiver Resilienz deutlich brauchbarer:
- Einfache Resilienz bezeichnet die unmittelbare Reaktion auf eine bereits eingetretene Krise: Was ist akut zu tun, um die Krise zu bewältigen und die Arbeitsfähigkeit möglichst schnell wiederherzustellen?
- Reflexive Resilienz ist demgegenüber ein proaktiver Ansatz. Nicht die Reaktion nach dem Ereignis steht im Vordergrund, sondern das Antizipieren potenzieller Krisen und das vorausschauende Handeln, das Vorbereiten, bevor sie eintreten.
In dieser Differenz kann ein Kern von „Unsicherheit gestalten“ liegen:
Anpassung an Umweltveränderungen erfolgt in Organisationen ohnehin – meist jedoch reaktiv und oft erst dann, wenn die Grenze des Machbaren bereits erreicht ist (vgl. Seliger, 2022: 14f). Die reflexive Resilienz fordert dazu auf, die Anpassungsnotwendigkeiten proaktiv und gestalterisch anzugehen.
Übertragen auf die strategische Arbeit heißt das: Vorlaufzeiten nutzen, Frühindikatoren ernst nehmen, Entwicklungsnotwendigkeiten benennen, bevor der externe Druck sie erzwingt. Strategieentwicklung wird so vom Versuch, eine unsichere Zukunft möglichst genau vorherzusagen, zur Fähigkeit, unter Unsicherheit gestaltungsfähig zu bleiben.
Die übersehenen Stärken von Organisationen der Sozialwirtschaft
Interessant bei der Beschäftigung mit organisationaler Resilienz war für mich, dass Organisationen der Sozialwirtschaft trotz aller strukturellen Herausforderungen häufig ausgesprochen resiliente Gebilde sind. Viele Träger, Organisationen und Einrichtungen existieren seit Jahrzehnten, teils seit Jahrhunderten, und mussten sich in dieser Zeit an eine Vielzahl von Krisen und veränderten Umweltbedingungen anpassen. Diese Resilienz speist sich aus Faktoren, die im Alltag leicht übersehen werden:
- Die normative Bedeutung „des Sozialen“ ist gesellschaftlich verankert. Ganze Arbeitsfelder brechen nicht kurzfristig weg.
- Veränderungen der gesetzlichen Grundlagen erfolgen in der Regel nicht ad hoc, sondern mit Vorlaufzeiten, die Anpassungs- und Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen.
- Die generalistisch angelegte Ausbildung ermöglicht einen flexiblen Personaleinsatz und das Erproben neuer Angebote.
- Die dezentrale, oft rekursiv-fraktale Struktur (vgl. Graf 2000: 88) vieler Träger erlaubt es – bei förderlicher Rahmung durch die übergeordneten Einheiten –, Entscheidungen passgenau und nah an den Bedingungen vor Ort zu treffen.
Selbst die „dominierende Informalität“ von Organisationen der Sozialwirtschaft (mehr dazu hier) könnte eine Ressource für organisationale Resilienz sein: Sie erschwert zwar die verbindliche Umsetzung von Entscheidungen in Organisationen der Sozialwirtschaft, kann aber zugleich ein Teil der Erklärung dafür sein, warum viele dieser Organisationen über so lange Zeit Bestand haben, da die Mitarbeitenden in Organisationen der Sozialwirtschaft nicht allein auf die organisationalen Mitgliedschaftsbedingungen schauen, sondern aufgrund der ihrer professionellen Identität („Helfen wollen!“) bereit sind, Krisen auszuhalten und „die Extrameile“ gehen (mit allen damit einhergehenden Herausforderungen).
Zusammenfassend besteht die Aufgabe darin, diese Stärken von Organisationen der Sozialwirtschaft bewusst für eine reflexive und damit proaktiv-gestaltende Auseinandersetzung mit der eigenen Zukunft zu nutzen und der Unsicherheit nicht nur wie das Kaninchen vor der Schlange abwartend und reaktiv zu begegnen.
Das Fachcamp Soziale Arbeit 2026, oder: Barcamp statt Frontalprogramm
Wer in Organisationen der Sozialwirtschaft, im eigenen Team oder auch als Individuum der mit den oben skizzierten Veränderungen und der damit einhergehenden Komplexität begegnen und Unsicherheit gestalten will, kommt mit von außen vorgegebenen, anscheinend fertigen Antworten nicht weit.
Es braucht vielmehr Zeiten und Räume, in denen Menschen, die täglich mit – vergleichbaren oder auch ganz anderen – Herausforderungen befasst sind, miteinander ins Gespräch kommen.
Das wird deutlich, wenn man übergreifend den sinnvollen Umgang mit komplexen Situationen betrachtet: Hier – in Unsicherheit und komplexen Situationen – greift die klassische Planungslogik nicht mehr. Das, was bei Aktivitäten oder Interventionen herauskommt, lässt sich nicht vorab bestimmen, da sich das System durch jede Handlung selbst verändert. Jede Intervention wirkt auf die Bedingungen zurück, unter denen die nächste stattfindet. Muster und Sinn erschließen sich erst im Nachhinein, wenn etwas passiert ist. Wer schon einmal erlebt hat, wie sich ein neues Team formt oder wie ein Markt plötzlich kippt, kennt das: Man steht mitten in einer Dynamik, die sich der Vorhersage entzieht. Oder konkret: Wir können trotz aller Prognosen noch nicht sicher wissen, wie sich die KI-Entwicklungen in 10 Jahren auf uns, unsere Organisationen und unsere Gesellschaft auswirken.
Entsprechend verschiebt sich auch die angemessene Handlungsstrategie: Es geht nicht um Durchplanen, sondern um das agile, tastende, experimentelle Vorgehen. Statt den perfekten Plan zu erarbeiten, arbeitest Du in einer Schleife aus Ausprobieren, Beobachten und Anpassen. Kleine, sichere Tests starten (probe), genau hinschauen, was daraufhin geschieht (sense), und dann reagieren (respond) hilft. Nicht die einmalige, große Entscheidung sichert den Erfolg, sondern die Fähigkeit, aus dem, was das System zurückmeldet, fortlaufend zu lernen.
Genau das meint „Unsicherheit gestalten“: nicht auf Gewissheit warten, sondern gestaltend in Bewegung bleiben. Und deshalb ist das Fachcamp Soziale Arbeit ein Barcamp und damit ein offenes, partizipatives Format, bei dem die Teilnehmenden – also Du und ihr 😉 – die Agenda selbst gestalten.
Konkret heißt das: Es gibt kein vorab festgelegtes Programm. Die Sessions werden am Morgen gemeinsam geplant. Eine Session dauert 45 Minuten und kann vom fachlichen Input mit anschließender Diskussion über eine offene Fragen, dem Erfahrungsaustausch bis hin zum gemeinsamen Weiterdenken reichen. Maßgeblich sind die Themen, die die Teilnehmenden einbringen.
Mit dem Fachcamp Soziale Arbeit richten wir uns bewusst an ein breites Publikum, an Fach- und Führungskräfte, aber auch an Studierende und Interessierte an und aus der Sozialen Arbeit. Denn es hilft ungemein, unabhängig von Rolle, hierarchischer Position oder Arbeitsbereich gemeinsam zu denken und auf neue Ideen zu kommen. Kurz: Du bist hier richtig, wenn Du Dich austauschen, neue Ideen entwickeln, alte loslassen und gemeinsam Lösungen anstreben willst – kollegialer Austausch, Inspiration und, ja, auch ein wenig Psychohygiene inklusive.
Die Eckdaten des Fachcamp Soziale Arbeit 2026 auf einen Blick
- Wann: Dienstag, 24. November 2026, 9.00 bis 16.00 Uhr
- Wo: Franz Sales Haus, Essen
- Format: Barcamp – die Teilnehmenden gestalten die Agenda selbst
- Tickets: 40 EUR regulär / 20 EUR für Studierende
- Hier geht’s zur Anmeldung
Fachcamp Soziale Arbeit 2026: Sei dabei!!!
Unsicherheit lässt sich nicht vermeiden oder wegplanen. Aber sie lässt sich gestalten – reflexiv statt bloß reaktiv, und im kollegialen Austausch mit Menschen, die die gleichen Fragen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven bearbeiten.
Christian und ich freuen uns, das Fachcamp Soziale Arbeit 2026 anzukündigen, und darauf, die Themen am 24. November in Essen mit Dir gemeinsam zu vertiefen.
Quellen:
- Epe, H. (2026): Robustheit im Wandel: Organisationale Resilienz. In: Gesmann, S., Löhe, J. (Hrsg.): Von Scrum bis New Work: Managementmoden in der Sozialen Arbeit. Eine kritische Analyse von Führungs- und Organisationstrends. Opladen: Verlag Barbara Budrich. S. 75 – 94.
- Graf, P. (2000): Soziale Organisationen als soziale Systeme. In: Hauser, A., Neubarth, R., Obermair, W. (Hrsg.): Sozial-Management: Praxis-Handbuch soziale Dienstleistungen. 2., erw. und überarb. Aufl. Neuwied: Luchterhand Verlag. S. 74 – 91.
- Seliger, R. (2022): Systemische Beratung der Gesellschaft. Strategien für die Transformation. Heidelberg: Carl-Auer Verlag GmbH.
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