Den Ursprungsbeitrag zum Fachkräftemangel in der Sozialwirtschaft habe ich bereits 2022 geschrieben. Inzwischen hat sich die und auch meine Welt weitergedreht. Deshalb liegt der Beitrag hier in einer komplett überarbeiteten Version vor – Stand: November 2026. Neben der Überarbeitung von Zahlen habe ich auch inhaltlich geändert und weniger Appelle, dafür aber mehr (systemtheoretisch fundiertere) Organisationsperspektiven eingebaut.
Der Fachkräftemangel ist seit Jahren eins der bestimmenden Themen, über das in Organisationen der Sozialwirtschaft am meisten gesprochen wird. Im Zentrum steht dabei meist die Frage:
Wo finden wir passende bzw. überhaupt Fachkräfte?
Aus meiner Beobachtung lohnt es sich, die Frage zu verschieben. Denn: Sie lenkt den Blick auf den Arbeitsmarkt und damit auf das, was Organisationen kaum beeinflussen können. Gleichzeitig lenkt die Frage den Blick weg von dem, was sie sehr wohl beeinflussen bzw. entscheiden können: Die eigenen Strukturen.
Als Einstieg findest du im Folgenden aktuelle Zahlen zum Fachkräftemangel in der Sozialwirtschaft, gefolgt von fünf Thesen, die Organisationen der Sozialwirtschaft in Zeiten des Fachkräftemangels neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Abschließend werden sieben „Rezepte” vorgestellt, die konkret skizzieren, was Führungskräfte in Organisationen der Sozialwirtschaft tun können, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.
Zahlen zum Fachkräftemangel, oder: Was eigentlich fehlt, und wenn ja, wie viele?
Zunächst lohnt ein aktueller Blick auf die Zahlen – und die sind interessanter, als man denkt:
Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) meldet für März 2026 unter dem Titel „Weniger Engpässe in Sozialberufen, mehr bei Infrastruktur und Verteidigung“:
Bei Expert:innen in Sozialarbeit und Sozialpädagogik ist die Fachkräftelücke kleiner geworden. Trotzdem gab es für mehr als 10.900 offene Stellen bundesweit keine passend qualifizierten und verfügbaren Arbeitskräfte. Rechnerisch blieben etwa sechs von zehn offenen Stellen unbesetzbar. Auch im Arbeitsfeld der Kinderbetreuung (insbesondere Erzieher:innen in Kindertagesstätten) sank die Lücke auf rund 12.200 Stellen, was immer noch fast jeder zweiten offenen Stelle entspricht (KOFA Kompakt 5/2026).
Spannend ist die Begründung: Bei der Kita wird auf die demografische Entwicklung verwiesen. Kurz gesagt: weniger Geburten = weniger zu betreuende Kinder. Bei der Sozialarbeit lässt sich der Rückgang unter anderem mit sinkenden Migrationszahlen und damit verbundenen Kürzungen öffentlicher Haushalte begründen.
M.a.W.: Der Mangel wird also kleiner, weil Angebote gestrichen werden. Das ist keine gute, aber eine lehrreiche Nachricht: Fachkräftemangel ist kein Naturereignis, sondern entsteht aus der Differenz zwischen den verfügbaren Menschen auf dem Arbeitsmarkt auf der einen Seite und (nicht rein selbsterzeugten) Erwartungen der Arbeitgeber auf der anderen: Stellenplänen, Fachkraftquoten, Leistungsvereinbarungen, Refinanzierung usw. Verändern sich die Erwartungen, verändert sich der Mangel.
Mittelfristig wird es nicht leichter: Das IW schreibt fort, dass im Jahr 2029 bundesweit und arbeitsfeldübergreifend 723.000 Fachkräfte fehlen könnten, 47 Prozent mehr als 2024. Die Studie betont allerdings, dass die Lücke demografisch bedingt steigen dürfte, ihre Höhe aber wesentlich von politischen Weichenstellungen abhängt: „Die Zukunft des deutschen Arbeitsmarktes ist stark abhängig von Erwerbszuwanderung, tatsächlichem Renteneintrittsalter, Berufswahlverhalten und den Investitionen in Weiterbildung und Strukturwandel“ (IW-Kurzbericht 61/2026).
Entsprechend bleibt für Organisationen im Kontext von Sozialwirtschaft, Sozialer Arbeit, Erziehung und Bildung etc. die Frage „Wo finden wir passende bzw. überhaupt Fachkräfte?“ berechtigt. Wichtiger ist und wird aber die Frage:
Was und welche unserer Erwartungen an Personal können wir selbst verändern?
These 1: Die Schauseite bedienen
In der ersten Fassung dieses Beitrags habe ich über einen großen Träger geschrieben, der mit viel Aufwand im Ausland drei Fachkräfte gewonnen hat. Effizient war das nicht, keine Frage. Aber die reine Bewertung nach Effizienz greift zu kurz.
Denn so eine Kampagne hat immer mehrere Funktionen – nach außen und nach innen. Sie zeigt: „Wir tun etwas!“ und legitimiert entsprechend gegenüber Kostenträgern und Politik (nach außen) und auch den eigenen Mitarbeitenden (nach innen). Da wird vor allem und sehr berechtigt die Schauseite der Organisation bedient. Das ist nicht verwerflich, da damit eine wichtige Funktion erfüllt wird. Das wird nur dann zum Problem, wenn man das Bedienen der Schauseite mit der Lösung des Problems verwechselt.
Ähnlich ist es mit dem Klagen über den Fachkräftemangel oder über „die junge Generation“, die angeblich doch mehr fordert als regelt. Statt das Klagen abzuwerten, lohnt sich auch hier die Frage: Für welches Problem ist das Dauerklagen eine Lösung? Klagen erzeugt bspw. notwendigen politischen Druck. Und Klagen entlastet – vor allem von der Notwendigkeit, über das entscheiden zu müssen, was Organisationen selbst anders machen könnten. Und Organisationen können die folgenden vier „Stellschrauben“ selbst entscheiden.
These 2: Vier Stellschrauben drehen
Organisationen lassen sich über (entscheidbare) Entscheidungsprämissen beeinflussen, also über Entscheidungen, die vielen weiteren Entscheidungen einen Rahmen geben. Von diesen Entscheidungsprämissen gibt es vier: Personal (wer entscheidet), Zweckprogramme (welche Zwecke verfolgen wir), Konditionalprogramme (nach welchen Regeln wird entschieden) und Entscheidungswege (wer darf in welcher Rolle mit wem worüber entscheiden).
Der entscheidende (höhö) Punkt: Die Entscheidungsprämissen sind zum Teil „gegeneinander austauschbar“: Wo man sich auf hochqualifiziertes Personal verlassen kann, braucht es weniger Regeln. Wo das Personal fehlt oder wechselt, müssen Programme und Entscheidungswege mehr tragen.
Und damit sind wir beim Fachkräftemangel: Personal verliert als Gestaltungsinstrument an Kraft. M.a.W.: Man kann sich die Menschen nicht mehr aussuchen, weder nach Qualifikation noch nach Haltung. Entsprechend müssen die anderen „Stellschrauben“ mehr leisten.
Personal: Wer zählt als Fachkraft?
Auch mit Blick auf die Entscheidungsprämisse „Personal“ gibt es Spielraum:
- Welche Anforderungen an unser Personal sind wirklich zwingend, und welche lassen sich durch Einarbeitung aufbauen? Das KOFA empfiehlt diese Trennung: Muss-Anforderungen von Qualifikationen zu unterscheiden, die durch Einarbeitung oder Weiterbildung aufgebaut werden können.
- Wie sieht ein sinnvoller Personalmix aus Fachkräften, Quereinsteiger:innen und Assistenzkräften aus?
- Wie halten wir ältere Mitarbeitende länger, etwa als „Senior Experts“ mit reduzierter Stundenzahl und klarer Rolle?
Und klar, Fachkraftquoten legen oft nicht die Organisationen selbst fest, sondern Kostenträger und Aufsichtsbehörden. Dazu unten mehr.
Zweck- und Konditionalprogramme: Wozu wir da sind, und wie arbeiten wir zusammen
Noch einmal kurz: Zweckprogramme legen fest, wozu etwas getan wird. Konditionalprogramme legen fest, was genau zu tun ist, wenn ein bestimmter Fall, Impuls etc. eintritt.
Zweckprogramme stellen (auch) die Frage nach dem Angebotsportfolio: Mit weniger Personal lassen sich am Ende des Tages nicht alle Angebote aufrechterhalten. Dann wird die Frage notwendig: Was kann weg? (Stichwort Exnovation). Maßstab dafür sollte nicht allein das Geld sein, sondern auch die Wirkung: Welche Angebote wirken, und an welchen halten wir aus Gewohnheit fest? Gleichzeitig braucht es den Gegenpol und damit einen Weg, auf dem aus Ideen tatsächlich Neues entsteht (vgl. 4 Schritte zu einem lebendigen Innovationsmanagement). Und weil pluralistische Organisationen unterschiedliche Zwecke verfolgen, muss die Frage „Wozu sind wir da?“ nicht nur im Leitbild beantwortet werden, sondern in jedem Bereich und jedem Team.
Konditionalprogramme regeln das Wie genau ist was zu tun?: Welche Schritte sind zwingend – bspw. bei der Neuaufnahme einer Bewohnerin? Wie genau haben wir Vertretungen geregelt? Je weniger man sich auf die Qualifikation der Einzelnen verlassen kann, desto wichtiger werden solche klaren Regeln. Sie geben Orientierung, unabhängig von der Ausbildung, und sie geben den Nutzer:innen Sicherheit.
Hart wird es, wenn von der „notwendigen McDonaldisierung“ Sozialer Arbeit gesprochen wird. Das ist (leider) nicht ganz von der Hand zu weisen: Verlässliche Qualität an jedem Standort entsteht bei McDonalds durch eindeutige Wenn-dann-Regeln, Prozesse und Abläufe – aber nicht durch das bestmöglich qualifizierte Personal oder Purpose-Workshops. Aber natürlich trägt der Vergleich nicht weiter: Soziale Dienstleistungen bestehen aus individuellen, kaum standardisierbaren Interaktionen, womit das Technologiedefizit der Sozialen Arbeit deutlich wird: Es gibt keine Regel, die sicher zum gewünschten Ergebnis bei einem Menschen führt.
Daraus folgt: Konditionalprogramme gewinnen für das Wie der Zusammenarbeit an Bedeutung. Zweckprogramme und Fachlichkeit für das Was der Arbeit mit Menschen.
Diese Spannung lässt sich nicht auflösen.
Gerade bzgl. der wichtiger werdenden Konditionalprogramme lohnt ein kurzer Blick auf die „Organisationskultur“ und die Tatsache, dass sich Kultur nicht entscheiden, beschließen oder verordnen lässt. Organisationskultur lässt sich als nicht entschiedenen Entscheidungsprämisse definieren und damit – etwas verkürzt – als das, was sich an Mustern und Routinen eingeschliffen hat, ohne dass jemand es festgelegt hätte. Kultur lässt sich deshalb nur indirekt über die formalen Strukturen beeinflussen.
Wer also will, dass Regeln eingehalten werden, sollte zuerst fragen, warum sie nicht eingehalten werden – und zwar in Bezug auf die Rolle, nicht auf die Person. Nicht „Klaus ist unzuverlässig“, sondern: Warum ist es aus Sicht der Rolle, die Klaus innehat, sinnvoll, diese Regel zu umgehen?
Oft liegt die Antwort in einer Regel, die nicht funktioniert. Manchmal hält gerade das Umgehen der Regel den Laden am Laufen. Die Systemtheorie nennt das brauchbare Illegalität.
Kommunikationswege: Wer führt eigentlich wen?
In der ersten Fassung des Beitrags schrieb ich, dass im Zuge des Fachkräftemangels alle Fachkräfte zu Führungskräften werden, weil sie Nicht-Fachkräfte anleiten. Das stimmt weiterhin, aber genauer betrachtet ist von lateraler Führung und damit von Führung ohne formale Weisungsbefugnis zu sprechen. Das macht es nicht einfacher und aus „Job Enrichment“ wird schnell Job Overload mit der Folge, dass auch die verbliebenen Fachkräfte gehen.
Deshalb gehört die Anleitung neuer, auch fachfremder Kolleg:innen strukturell geregelt:
- Wer leitet wen an, mit wie viel Zeit?
- Mit welchem Mandat?
- Und mit welcher Anerkennung, zeitlich oder auch finanziell?
These 3: Mitgliedschaft unter Mangelbedingungen annehmen
Organisationen funktionieren, weil Mitglieder im Gegenzug für ihre Mitgliedschaft viele Zumutungen hinnehmen, was sie privat nicht tun würden. In der ersten Fassung habe ich geschrieben, dass in letzter Konsequenz die Mitgliedschaft beendet werden kann, wenn die Mitgliedschaftsbedingungen (vor allem Konditionalprogramme und Entscheidungswege) zu häufig nicht eingehalten werden.
Das ist nach wie vor richtig, aber unter Bedingungen des Fachkräftemangels hat sich das Kräfteverhältnis verschoben. Die Austrittsoption der Mitarbeitenden ist stärker geworden als die Kündigungsoption der Organisation. Welche Zumutungen die Mitarbeitenden hinzunehmen bereit sind, verringert sich. Das lässt sich in Organisationen der Sozialwirtschaft mit „Schmerzensgeld“ kaum ausgleichen, weil die Refinanzierung begrenzt ist.
Was bleibt, sind auch hier wieder die Spielregeln, die die Organisation selbst gestalten kann: klare Zwecke, passende Kolleg:innen, verlässliche Regeln und Abläufe sowie angemessener Gestaltungsspielraum. Für die Gestaltung der Konditionalprogramme heißt das: lieber wenige Regeln, die dann aber wirklich gelten, statt vieler, deren Nichteinhaltung nicht sanktioniert wird (bzw. werden kann).
These 4: Die Umwelt bearbeiten
Viele wirksame Hebel in Zeiten des Fachkräftemangels liegen an der Grenze der Organisation zu ihrer jeweiligen Umwelt. Hier rücken insbesondere die Beeinflussung der Kostenträger und die Gestaltung eigener Netzwerke in den Fokus:
- Kostenträger beeinflussen: Die Personalbemessung flexibler zu gestalten oder den Personalmix neu zu denken, kann eine Einrichtung selten allein entscheiden. Das muss im sozialrechtlichen Dreieck verhandelt werden. Es hilft, die Beziehungen zu den Kostenträgern und zu politischen Entscheider:innen aktiv zu bearbeiten und mit Daten zur Wirkung und mit konkreten Vorschlägen zu unterfüttern, statt nur zu berichten, was alles nicht geht.
- Netzwerke gestalten: Das Abwerben von Mitarbeitenden ist für jeden einzelnen Träger zwar rational, für alle zusammen jedoch schädlich. Das damit einhergehende Dilemma lässt sich nicht durch guten Willen lösen, sondern nur strukturell – bspw. durch regionale Fachkräftenetzwerke, gemeinsame Springerpools, Vereinbarungen über Wechsel und Rückkehr – beeinflussen.
These 5: Dilemmatamanagement in Zeiten des Fachkräftemangels aufrechterhalten
In den vorherigen Ausführungen wird zwar einiges an Handlungsoptionen aufgezeigt, Gleichzeitig existieren und bleiben Spannungen, die sich nicht lösen lassen:
- Standardisierung vs. Einzelfall: Ja, es hilft, den Konditionalprogramm-Regler nach oben zu ziehen und klare Abläufe zu gestalten. Aber das Herzstück Sozialer Arbeit – die Arbeit mit Menschen – ist heute und morgen nicht formalisierbar.
- Bindung vs. Verbindlichkeit: Mitarbeitende halten zu wollen – bspw. durch Anreizssysteme und das Versprechen individueller Spielräume und Gestaltungsmöglichkeiten – steht auf der einen Seite. Auf der anderen wird es dann, wenn die Konditionalprogramme an Bedeutung gewinnen und Regeln wichtiger werden, notwendig, diese auch durchsetzen zu müssen.
- Konkurrenz vs. Kooperation: Der Pool an verfügbaren Fachkräften wird trotz aller Bemühungen nicht plötzlich anwachsen. Organisationen der Sozialwirtschaft konkurrieren entsprechend um dieselben Menschen. Trotzdem (oder gerade deswegen) ist es notwendig, Kooperationen zu gestalten und in Netzwerken zusammenzuarbeiten. Koopkurrenz ist hier das Stichwort.
- Schauseite vs. Wirksamkeit: Es ist wichtig, etwas rund um das Thema Mitarbeitendengewinnung zu tun und dieses auch sichtbar zu machen. Gleichzeitig bleibt es notwendig, neben dem das zu tun, was wirklich Wirkung zeigt. Das ist jedoch oftmals wenig schauseitentauglich.
Mit solchen Dilemmata umzugehen – Dilemmatamanagement – ist und bleibt Kern von Führung. Die Führungsschleife – beobachten, entscheiden, umsetzen und dann wieder beobachten, ob die Entscheidung trägt – hilft auch hier als Orientierung.
Sieben systemische Rezepte für die Gestaltung des Fachkräftemangels in Organisationen der Sozialwirtschaft
Systemisch gesehen gibt es natürlich keine Rezepte. Organisationen sind keine Kuchen, und dieselbe Zutat schmeckt in jedem Haus anders. Deshalb verstehe die folgenden Rezepte eher als Kochanleitung für Experimente: ausprobieren, beobachten, nachwürzen.
1. Entschlacke die Anforderungen:
Nimm eine Stellenbeschreibung und prüf jede Anforderung einzeln: Ist sie gesetzlich oder vertraglich vorgeschrieben, ist sie fachlich zwingend, oder ist sie einfach Gewohnheit? Was sich durch Einarbeitung aufbauen lässt, gehört nicht in die Muss-Liste, sondern in den Einarbeitungsplan. Rechne damit, dass sich Fachkräfte dadurch in ihrem Status bedroht fühlen, und nimm Rezept 4 gleich mit dazu. Welche Anforderung schließt Menschen aus, die wir eigentlich einarbeiten könnten?
2. Miste das Portfolio aus:
Leg die Liste aller Angebote auf den Tisch und frag bei jedem: Würden wir das heute neu starten? Bei jedem Nein beginnt die eigentliche Arbeit: Was müsste passieren, damit wir es beenden können, und mit wem müssen wir darüber verhandeln? Abschied braucht Zeit und eine gute Form, für Mitarbeitende ebenso wie für Nutzer:innen. Woran halten wir fest, nur weil es schon immer da war?
3. Mache den Prozess-Test:
Spiel einen typischen Prozess durch, etwa einen Aufnahmeprozess, eine Eingewöhnung oder eine Vertretung, und zwar aus Perspektive eines:r neuen Kolleg:in ohne Fachausbildung. Wo wäre sie unsicher? Wo müsste sie raten? An diesen Stellen braucht es eine klare Gestaltung der Wenn-dann-Regel – aber nur für das Wie der Zusammenarbeit, nicht für das Was der Arbeit mit Menschen. Damit es hier nicht einfach zu einem Papierberg kommt, versuche, jede neue Regel durch eine alte zu ersetzen. Wo verlassen wir uns darauf, dass „man das eben weiß“?
4. Mache Anleitung zur Rolle:
Meist leiten Fachkräfte neue Kolleg:innen an – irgendwie so, nebenbei, mit entsprechenden Überstunden. Mache sichtbar, wer wen anleitet, und gib dem eine Form: eine Rolle inkl. Aufgaben und festem Zeitkontingent. Dadurch werden (nicht nur finanzielle) Kosten sichtbar, vorher schon da, aber versteckt in Überlastung waren. Wer trägt bei uns Einarbeitungen, ohne dass es irgendwo steht?
5. Verstehe Regelbrüche als Diagnose:
Wenn eine Regel regelmäßig umgangen wird, frag nicht, wer sich nicht daran hält. Interessanter ist, warum es aus Sicht der jeweiligen Rolle sinnvoll ist, sie zu umgehen. Oft hält der Regelbruch den Laden am Laufen. Dann ist eher die Regel das Problem, nicht der Verstoß dagegen. Entscheide dann, wie mit der Regel umgegangen werden soll: ändern, streichen oder durchsetzen? Oder – nur dann, wenn es wirklich brauchbar ist – auch mal wegschauen? Welche Regel gilt bei uns nur auf dem Papier?
6. Mach Bleiben attraktiver als Gehen:
Warte nicht auf das Austrittsgespräch, sondern führe Bleibegespräche: Was hält Dich hier? Was aber würde Dich gehen lassen? Konzentriere Dich dann auf das, was sich ohne Geld verändern lässt: Zweck und verlässliche Abläufe sowie Gestaltungsspielräume. Rechne damit, dass viele Antworten auch etwas mit Führung bzw. mit Dir selbst zu tun haben. Das kann unangenehm sein, trifft aber die richtige Stelle. Wann hast Du zuletzt gefragt, warum jemand bleibt?
7. Bildet Banden, aber verbindlich:
Abwerben ist für jeden einzelnen Träger rational und für alle zusammen schädlich. Gegen diese Logik kommen gute Absichten nicht an. Deswegen braucht es Vereinbarungen. Setz Dich mit Trägern aus Deiner Region zusammen und vereinbart schriftlich eure Kooperation: kein aktives Abwerben, abgestimmte Personalwechsel, eine Rückkehroption, vielleicht ein gemeinsamer Springerpool. Die Konkurrenz um Aufträge bleibt, wird aber nicht mehr (ausschließlich) auf dem Rücken der Mitarbeitenden ausgetragen. Mit wem konkurrieren wir um Menschen, mit denen wir eigentlich kooperieren könnten?
Fazit
Daran zu glauben, dass sich kurzfristig etwas an der Zahl gut ausgebildeter Fachkräfte ändert, ist ungefähr so aussichtsreich, wie den Welthunger mit fünf Broten und zwei Fischen beenden zu wollen. Die wundersame Fachkräftevermehrung wird es nicht geben – dafür sorgt der demografische Wandel.
Die gute Nachricht ist aber, dass Organisationen dem Arbeitsmarkt nicht (völlig) ausgeliefert sind. Sie können festlegen, wen sie als Fachkraft zählen, welche Angebote sie wie genau machen und wer wen anleitet. Kurz gesagt hilft es mehr, das System zu verändern, als Menschen verändern zu wollen.
Wenn Du für Deine Organisation schauen möchtest, welche der oben skizzierten Stellschrauben bei Euch die meiste Wirkung hätte, lass uns gerne dazu sprechen.
Quellen
- Gesmann, S., Merchel, J. (2021): Systemisches Management in Organisationen der Sozialen Arbeit: Handbuch für Studium und Praxis. Zweite Auflage. Systemische soziale Arbeit. Heidelberg: Carl-Auer Verlag GmbH.
- Kühl, S. (2016): Organisationen gestalten. Eine kurze organisationstheoretisch informierte Handreichung. Wiesbaden: Springer VS.
- Herzer, P.; Kunath, G. (2026): KOFA Kompakt 5/2026: Fachkräftereport März 2026 – Weniger Engpässe in Sozialberufen, mehr bei Infrastruktur und Verteidigung. IW Köln.
- Burstedde, A. (2026): IW-Arbeitsmarktfortschreibung 2029: Beschäftigungspotenziale sinken. IW-Kurzbericht 61/2026.




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