Unternehmertum und Führung, oder: Warum es in sozialen Organisationen nicht läuft!

Unternehmertum und Führung

Inhalt:

Purpose-Abend für Unternehmerinnen und Unternehmer.” Dort war ich vor ein paar Tagen und will Dir hiermit einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt zum Thema Purpose, Unternehmertum und Führung in sozialen Organisationen verbunden mit einem Rückblick zur Veranstaltung geben.

Denn mich lässt der Gedanke nicht los: “Wir” aka die sozialen Organisationen oder „die Sozialwirtschaft“ sind die echten „Purpose-Unternehmen“, oder?

Wir sind doch diejenigen, die eigentlich alle von mir propagierten „New Work Werte“ – Freiheit, Selbstorganisation, Verbundenheit, Entwicklung und Nachhaltigkeit – in ihrer DNA tragen?

Wir sind doch diejenigen, denen der Sinn in die Wiege gelegt wurde?

Und irgendwo ist trotzdem der Wurm drin? Woran kann das liegen?

Wo ist der Purpose und der Wurm?

Dazu ist es wichtig, kurz zu definieren, wo der Wurm ist und um was es inhaltlich ging, an dem „Purpose-Abend für Unternehmerinnen und Unternehmer“:

Nur ganz kurz: Ich bin davon überzeugt, dass der Begriff “Purpose” viel meint, aber in unserer medialen Diskussion leider schon wieder so dermaßen durchgenudelt wurde, dass er die positiven Möglichkeiten leider vermissen lässt. Schade! Denn beim Purpose-Abend ging es nicht um Buzzword-Bingo, sondern um Verantwortungseigentum!

Verantwortungseigentum

Aktuell gibt es einige mediale Aufmerksamkeit für Unternehmer*innen, die auf die auf den ersten Blick ziemlich absurde Idee kommen, ihr Unternehmen sich selbst – also dem Unternehmen – zu überlassen.

Klingt komisch, heißt aber nur, dass vertraglich vereinbart wird, dass das Unternehmen nicht mehr zu veräußern ist. Dahinter steht – ohne in die Tiefe zu gehen – ein Rechtskonstrukt, das insbesondere darauf basiert, dass ein kleiner Unternehmensanteil, meist 1% des Unternehmens, an die „Purpose Stiftung“ gegeben wird. Auf der Homepage der Stiftung heißt es:

Verantwortungseigentum ermöglicht unabhängige und sinnorientierte Unternehmen. Wir ermöglichen Verantwortungseigentum. Für eine Wirtschaft die den Menschen dient.

Der Zweck der Purpose Stiftung besteht ausschließlich darin, ein Veto einzulegen, wenn der Verkauf des Unternehmens diskutiert werden sollte. Dadurch ist es nicht mehr möglich, das Unternehmen zu verkaufen.

Die Auswirkungen lassen sich dahingehend zusammenfassen, dass die Mitarbeiter*innen nicht mehr für die Tasche der Besitzer*in arbeiten und auch nicht für die noch weiter entfernte Tasche irgendwelcher Shareholder, oder kurz: Die Mitarbeiter*innen arbeiten für den Zweck der Organisation, den Purpose. Und wer mehr dazu erfahren will, kann sich hier ein Buch zum Thema “Verantwortungseigentum herunterladen.

Wofür arbeitest Du eigentlich?

Hier habe ich aufgehorcht, denn:

Wofür arbeiten die Mitarbeiter*innen der Kirchen, der Caritas, der Diakonie, der AWO oder sonstwelcher Wohlfahrtsverbände? Doch nicht für den Papst, der sich die Taschen vollstopft? Und auch nicht für den Vorstand, der den Verband dann meistbietend an irgendwelche Investoren aus Indien verschachert?

Die Mitarbeiter*innen sozialer Organisationen arbeiten für die Sache, für den (guten) Zweck, basierend auf (hoffentlich) Arbeitsverträgen, die eine angemessene Vergütung (darüber ließe sich diskutieren) sicherstellen.

Das ist in meinen Augen wirklich ein großer Vorteil: In Organisationen, die bspw. anhand der AVR des Deutschen Caritasverbands arbeiten, macht es keinen Sinn, über das Geld zu diskutieren. Das ist festgeschrieben. Dahinter stehen dann wiederum zu hinterfragende Mechanismen der Gehaltssteigerung (Senioritätsprinzip) etc., aber grundsätzlich ist klar, wer wieviel in der Organisation verdient.

Das hört dann auf, wenn es um außertarifliche Vergütung geht, wodurch neue Probleme erzeigt werden.

New Work Werte und Verantwortungseigentum und der Wurm

Also noch mal kurz:

Die Werte, auf denen soziale Organisationen beruhen, sollten sich (eigentlich) in der Nähe zukunftsfähiger New Work Werte verorten lassen.

Der Zweck sozialer Organisationen insgesamt sollte passen (Menschen helfen, soziale Probleme lösen, wie auch immer).

Und auch die Eigentürmerschaft der Organisationen ist meistens so, dass nicht in die Tasche irgendwelcher Privatmenschen gewirtschaftet wird (Verbandsstrukturen, oftmals Vereine etc.).

Wurm-Ku(ltu)r?!

Und trotzdem lässt mich das Gefühl nicht los, dass irgendwie der Drive fehlt. Irgendwo ist der Wurm drin und irgendwie fehlt die Power, von der bspw. Katharina Hupfer, Geschäftsführerin der Triaz GmbH, die bspw. Marken wie Waschbär vertritt, berichtet.

Nur kurz: Die Triaz GmbH ist seit 2017 ein sog. Purpose-Unternehmen und somit nicht mehr „veräußerbar“. Die GmbH gehört zu 99% den beiden Geschäftsführer*innen und zu 1% der Purpose-Stiftung.

Dieser Drive, von dem Katharina erzählt, habe eingesetzt mit dem Entschluss, die Organisation als Purpose-Unternehmen unveräußerbar zu machen.

Und – das ist wichtig – wir reden bis hierher noch überhaupt nicht von einer Organisationsentwicklung im Sinne einer „New Work Organisation“ mit flacheren Hierarchien, vollständiger Transparenz oder sonstigen Strukturveränderungen.

Nein, allein die Entscheidung und Umsetzung der Triaz GmbH zu einem Purpose-Unternehmen bewirkt enorme kulturelle Veränderungen.

Gleiches erzählt Waldemar Zeiler von EinhornBerlin, auch wenn er mit einem Augenzwinkern darauf hinweist, dass die Unternehmen in Berlin viel reden, die Unternehmen in Freiburg aber machen.

(den Hinweis, auf die Freiburger Dame, die ihn nach einer Minute Redezeit unterbricht und ihn bittet, langsamer zu sprechen, erspare ich mir hier… Freiburg ist eben eher gemütlich 😉

Verantwortungseigentumskondome

Einhorn Berlin wird – aller Voraussicht nach – zur Weihnachtsfeier am 18. Dezember 2019 zu einem Purpose-Unternehmen. Waldemar erzählt von den gemeinsamen und sehr emotionalen Diskussionen bspw. zu Fragen der Altersabsicherung der beiden Gründer, wenn diese das Unternehmen nicht mehr verkaufen können.

Ich könnte hier noch weitermachen und den Verlauf des spannenden Abends schildern, aber mich lässt die Frage nicht los, wo der Wurm sitzt:

Warum klappt es in „unseren sozialen Organisationen“ irgendwie mit dem Drive nicht so richtig?

Ich muss also Purpose-Profis (ich schmunzle, wenn ich an eine mögliche Abkürzung denke 😉 fragen, oder:

Was sagen Waldemar und Katharina zur Frage, warum es mit dem Drive in Verbänden und sozialen Organisationen nicht klappt?

Wurm 1: Fehlendes Unternehmertum

Waldemar haut die Antwort direkt raus:

Es fehlt das Unternehmertum!

Bamm, kurz und einfach und: Ja, er hat recht. Allein in diesem Beitrag habe ich sooft Unternehmen oder Unternehmer geschrieben, wie sonst selten auf dem Blog.

Und auch eine der Aussagen von Katharina betont, dass die Menschen nach der Umwidmung des Unternehmens in einer „Purpose-Organisation“ deutlich unternehmerischer im Unternehmen agieren. Vielleicht liegt es wirklich daran, dass die Menschen verstehen:

Es ist jetzt unser Unternehmen?

Ich vermisse diese Haltung in sozialen Organisationen. Und mir geht es bei Unternehmertum nicht um irgendein “neoliberales Bild” eines entfesselten Kapitalismus.

Mir geht es darum, etwas zu unternehmen, neugierig zu sein, auszuprobieren, zu machen! Auch mit der Option, in die Kritik zu geraten, wie es gerade bei EinhornBerlin mit der Olympia-Aktion geschehen ist.

Aber auf Fehler kann man reagieren, auf Nichtstun nicht!

Hier im Blog habe ich bereits vor mehr als drei Jahren (!) einen Beitrag mit dem Titel “Innovation über Intrapreneurship, oder: Warum Sozialarbeiter unternehmerisch denken sollten!” geschrieben, in dem ich meine Gedanken zum Intrapreneurship dargelegt habe…

Direkt gefragt nach den Herausforderungen der tradierten Sozialwirtschaft betont Katharina noch einen weiteren Aspekt:

Wurm 2: Haltung zu Führung

Die Umwandlung des Unternehmens zu einem „Purpose-Unternehmen“ und damit die Abkehr von der Möglichkeit, das Unternehmen für den eigenen Geldbeutel zu verkaufen erfordert die Bereitschaft, die eigene Haltung als Führungskraft radikal infrage zu stellen:

Warum führe ich? Wie gehe ich mit den damit einhergehenden Privilegien um? Wenn ich als Eigentümer das Unternehmen nicht mehr veräußern kann: Was legitimiert für mich den Aufwand?

Katharina betont, dass mit dem ersten Schritt zur Umwandlung in ein Purpose Unternehmen auch Fragen zur adäquaten Organisationsstruktur, zu Mitbestimmung, Selbstorganisation, Freiheit, Entwicklung und Verbundenheit zur eigenen Arbeitsstelle an Relevanz gewannen, ohne dass dies beabsichtigt war:

Wie wollen wir unser Unternehmen strukturieren? Wer hat warum Macht? Wie gelingt Mitarbeiterentwicklung unter anderen Voraussetzungen? Wenn das Unternehmen den Menschen gehört: Wie können wir wirklich menschenzentriert arbeiten?

Wie sieht es aber mit Führungskräften sozialer Organisationen aus: Warum und wie wird wer Führungskraft? Und wie reflektieren Führungskräfte sozialer Organisationen ihre eigene Haltung?

Ein klassischer Weg zur Führungskraft in sozialen Organisationen ist der möglichst lange Verbleib in der Organisation mit dem damit (fast zwingend) einhergehenden Aufstieg in der Hierarchie. Insbesondere in Verwaltungsstrukturen ist die Ablehnung des Aufstiegs aufgrund Zugehörigkeit zur Organisation nicht einfach möglich und mit rechtlichen Konsequenzen verbunden.

Der Umkehrschluss ist jedoch: Wenn ich schon so lange in der Organisation ausharre, dann will ich zumindest Führungskraft werden und in der Hierarchie aufsteigen! Denn: Aus finanziellen Gründen lohnt sich der Aufstieg und die Übernahme von mehr Verantwortung kaum (zumindest nicht, solange man in den Tarifstrukturen unterwegs ist).

In meinem Beitrag “Jetzt auch noch Selbstorganisation, oder was?” habe ich versucht, die Problematik von Selbstorganisation und den tradierten Karrieremöglichkeiten sozialer Organisationen darzulegen: Die Übernahme von Verantwortung ohne adäquate Vergütung oder eben den Aufstieg in der Hierarchie ist nicht einfach!

Fazit, oder: Unternehmertum und Führung kann man machen

Hier ließe sich noch lange weiter philosophieren, aber ich will noch einmal zusammenfassen:

Fehlendes Unternehmertum und fehlende Auseinandersetzung mit der eigenen Führungshaltung werden – aus diesen beiden Aussagen abgeleitet 😉 – (mit-)verantwortlich gemacht für die Herausforderungen, denen soziale Organisationen gegenüberstehen.

Ich kann dem einiges abgewinnen, auch wenn es natürlich nicht die Komplexität sozialer Organisationen voll umfasst und maximal ein Blitzlicht wirft.

In der Konsequenz bedeutet es aber für mich:

  1. Wir brauchen viel mehr Unternehmertum in sozialen Organisationen.
  2. Wir brauchen die kontinuierliche Reflexion von Haltung und Motivation der Führungskräfte in sozialen Organisationen.

Der Blick auf die Ausbildungsinstitutionen zeigt jedoch, dass beides – Entre- oder Intrapreneur- ebenso wie Leadership Education – komplett unterrepräsentiert ist. Außerdem glaube ich nur begrenzt an die Möglichkeit, unternehmerische Fähigkeiten in den vorherrschenden, klassischen Curricula der Bildungsinstitutionen ausbilden zu können, oder kurz:

Unternehmertum und Führung kann man nicht am Schreibtisch lernen, man kann es nur machen (und dann kann man sich unterstützende Kompetenzen aneignen)…

Entsprechend sind soziale Organisationen zum einen gefordert, querdenkende Unternehmer*innen in ihren Organisationen zu dulden und diesen Möglichkeiten zu eröffnen, nicht sofort wieder vom Immunsystem der Organisation ausgespuckt zu werden.

Zum anderen sind Führungskräfte – egal welcher Hierarchiestufe, solange es diese gibt – in ihrer Reflexion der eigenen Haltung zu unterstützen. Unter dem Begriff Management-Innovation habe ich dazu einen Beitrag verfasst, der dieses Thema gut aufgreift.


Was meinst Du? Wie steht es um Unternehmertum und die Haltung der Führungskräfte in Deiner Organisation? Bin gespannt auf Deine Ideen…

tl;dr: Eigentlich sind soziale Organisationen optimal auf die Zukunft vorbereitet. Was aber fehlt sind Unternehmertum und eine Auseinandersetzung mit Führung. Das sagen zumindest zwei spannende Menschen…

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