Warum es so einfach ist, über die digitale Transformation sozialer Organisationen zu sprechen

digitale Transformation sozialer Organisationen

Ich komme zurück von einem Führungskräfteworkshop bei einem Träger der stationären Jugendhilfe. Thema des Workshops war – mal wieder – die Frage, wie sich die Organisation dem Thema “Digitalisierung” widmen kann. Dieses “mal wieder” könnte darauf hindeuten, dass ich es unrelevant fände, sich der digitalen Transformation zu widmen. Dem ist aber nicht so, ganz und gar nicht. Ich will damit nur darauf verweisen, dass sich viele Organisationen auf unterschiedlicher Ebene mit dem Thema befassen. Die digitale Transformation sozialer Organisationen wird inzwischen breit diskutiert und das ist großartig. Jedoch sehe ich, dass die eigentlichen Herausforderungen in der Beschäftigung mit der digitalen Transformation auf den ersten Blick gar nichts mit Digitalisierung zu tun haben.

Was meine ich damit genau?

Für mich geht es bei den Workshops einführend darum, die organisationalen Bedingungen, Strukturen und Bereiche aufzuzeigen, die durch die digitale Transformation wie berührt werden. Im weiteren Verlauf versuche ich dann, einen Lernraum aufzumachen, in dem sich die Teilnehmenden öffnen für die Möglichkeiten für Veränderung, die sich bereits in der Organisation befinden.

So bin ich davon überzeugt, dass es keinen Sinn macht, teure, neue Produkte auf die Organisation zu pressen und dann von erfolgreicher Digitalisierung zu sprechen. Der isolierte Einsatz technischer Einzellösungen in Gesundheits- und Sozialorganisationen hat in den letzten Jahren vielmehr den Eindruck erweckt, dass durch die digitale Transformation oder – hier im technischen Sinne verstanden – durch die Digitalisierung mehr Schwierigkeiten geschaffen als Nutzen gestiftet wurde.

Die daraus resultierenden Folgen hinsichtlich der  Veränderungsbereitschaft vieler Mitarbeiter/innen sind Gift für die dringend anstehenden Veränderungsnotwendigkeiten. Oder kurz: Pflegekräfte sind mehr als skeptisch, wenn es darum geht, sich dem Thema Digitalisierung zu widmen genauso wie Sozialarbeitende (und auch Studierende der Sozialen Arbeit) von dem Thema grundsätzlich nichts (mehr?) wissen wollen.

Mehr als Technik

Hier wird für mich deutlich, dass die Diskussion über die Digitalisierung immer noch eine sehr technische Ausrichtung umfasst. Technik ist gut und wichtig, jedoch vergleichbar mit der Eisenbahn:

Es ist wichtig, zu wissen, wie die Infrastruktur funktioniert, aber es ist für jeden einzelnen nicht notwendig, zu wissen, wie die Infrastruktur zu erstellen ist. Viel relevanter ist es, zu verstehen, was mit der Infrastruktur für die eigene Arbeit möglich ist. Die Eisenbahn existiert nicht aus Selbstzweck genauso wenig wie das Internet existiert, um zu existieren. Es existiert, um etwas damit zu machen. Daraus erwächst die Frage für soziale Organisationen:

Was können wir mit der digitalen Infrastruktur tun, welchen Nutzen stiften die digitalen Möglichkeiten für uns, für unsere Organisation oder konkret für die Menschen in der Organisation und damit für mich, ganz persönlich?

Noch einmal, weil es wichtig ist:

Die Diskussion um die Auswirkungen der Digitalen Transformation auf soziale Organisationen sind wichtig, sofern es darum geht, den Nutzen digitaler Möglichkeiten für soziale Organisationen aufzuzeigen.

Wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, dann geht es in einem zweiten Schritt darum, wie dies gelingen kann: Wie kann es gelingen, echten Nutzen durch digitale Möglichkeiten für soziale Organisationen zu stiften? Und hier wird es spannend.

Von harten und weichen Faktoren

Denn der Blick auf die (auch) durch die digitale Transformation hervorgerufenen Veränderungsnotwendigkeiten sozialer Organisationen zeigt, dass diese zwar auch auf Seiten von Technik und Datennutzung, Datenschutz und IT-Infrastruktur liegen.

Diese “harten” Faktoren, wenn man so will, sind aber einfach zu lösen. Hier gibt es Expert*innen, die sich diesen Themen intensiv widmen und damit (viel) Geld verdienen. Man kann auch als soziale Organisation technische Lösungen einkaufen, was impliziert, dass nicht jeder Sozialarbeiter ein kleiner Informatiker werden muss.

Im Verlauf der Workshops dämmert den Teilnehmer*innen, dass die Veränderungsnotwendigkeiten sozialer Organisationen vielmehr bei den “weichen” Faktoren der Organisation liegt:

Es geht um das Führungsverständnis, um interne und externe Kommunikation, es geht um die Strategie der Organisation, um Regeln, Rituale und Prozesse und es geht um die Struktur der Organisation als Ganzes.

Die Teilnehmer*innen merken, warum ich die Anführungsstriche bei den weichen Faktoren verwendet habe: Das ist nicht wirklich weich. Im Gegenteil:

Es ist viel härter, ernsthaft über die Frage zu sprechen, wie im Team zusammengearbeitet werden soll, als über die Anschaffung von ein paar Tablets für was auch immer. Es ist viel härter, das eigene Menschenbild zu hinterfragen, als eine Entscheidung über die Finanzierung von Projekt XY zu treffen. Es ist viel härter, den eigenen Machtanspruch aufzugeben, das eigene Ego zurückzustellen und alle Mitarbeiter*innen zu beteiligen, als “mal richtig auf den Tisch zu hauen”.

Menschenbilder hierarchischer Führung

Ich wurde im Workshop gefragt, ob es denn wirklich noch diese “hierarchische Führung” gäbe.

Die Frage ist berechtigt, da gerade in unserem Sozialsektor auch der Manager (bewusst nicht gegendert) hinter den sieben Bergen verstanden haben müsste, dass es nicht so richtig sinnvoll ist, die Mitarbeiter anzubrüllen. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass sich diese Art der Führung viel eher im Menschenbild und organisationalen Metaphern widerspiegelt:

Die Größe des Büros, die Lage des Parkplatzes, die End-Entscheidung, das neue Handy und vieles mehr sind Bilder formaler Macht (auch) in sozialen Organisationen. Und Menschenbilder betreffen Aussagen wie:

Es gibt ja Mitarbeitende, die brauchen klare Ansagen! Oder: Als Chef muss ich manchmal auch auf den Tisch hauen!

Die digitale Transformation interessiert sich nicht für formale Macht!

Warum diese kleine Geschichte zur Frage hierarchischer Führung? Weil sie deutlich macht, wo die eigentlichen Herausforderungen der Digitalisierung sozialer Organisationen liegen: Digitalisierung interessiert sich nicht für formale Macht! Und das ist so grandios! Die digitale Transformation ermöglicht, komplett neu über Führung, Macht und Organisation nachzudenken. Sie ermöglicht, den/die Nutzer*in,Klient*in, Kund*in oder kurz: den Menschen wirklich in den Mittelpunkt zu stellen. Sie ermöglicht, darüber nachzudenken, wie Arbeit neu im Sinne der Potentiale jedes Einzelnen gestaltet werden kann und wie damit New Work im besten Sinne möglich wird.

Das Neue zulassen

Die Herausforderung der digitalen Transformation (auch) sozialer Organisationen besteht demnach darin, zulassen zu können, dass das Alte geht und etwas Neues kommt. Und dieses Neue ist noch unbekannt, unsicher, undeutlich, unfassbar, vielmals unbeschreiblich.

Dieses Neue besteht nicht darin, alte Antworten auf neue Fragen zu geben. Es besteht darin, zulassen zu können, dass Hierarchie, formale Macht, Büros als Statussymbol, Konkurrenz u.v.m. nicht mehr sinnvoll sind, um die Herausforderungen von heute und morgen zu lösen.

Fazit: Soziale Systeme zukunftsfähig gestalten

Es wurde hoffentlich deutlich, dass die Überschrift des Beitrags ironisch gemeint ist: Es ist einfach, über die technischen Möglichkeiten zu sprechen und hier auch für soziale Organisationen vielleicht sinnvolle Ansätze, Geschäftsmodelle etc. zu erarbeiten.

Die Herausforderung der Digitalen Transformation besteht aber darin, die Herausforderungen der Gesellschaft, der Organisation an sich und auch die ganz individuellen Herausforderungen (Denkhaltungen, Menschenbilder…) wahr- und anzunehmen.

In einem nächsten Schritt ist dann zu überlegen, wie die digitale Infrastruktur nutzbringend eingesetzt werden kann, um die bestmögliche Zukunft für die Gesellschaft, die Organisation und uns alle zu gestalten. Es geht damit um einen tiefgreifenden Wandel in der eigenen Haltung.

Es geht um die Frage, wie soziale Systeme zukunftsfähig gestaltet werden können. Das ist die eigentliche Herausforderung der digitalen Transformation.

Ich freu mich drauf.


Zum Weiterlesen empfehle ich diesmal “Theory U” von Otto Scharmer *. Der Autor befasst sich – sehr kurz gesagt – damit, wie das Neue in die Welt kommen kann. Es ist in der langen Version auf deutsch bestellbar. Hier findet sich eine ganz neue, jedoch bislang nur auf englisch erschienene Kurzfassung * der Essentials der Theory U.

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4 comments on “Warum es so einfach ist, über die digitale Transformation sozialer Organisationen zu sprechen

  1. HendrikEpe am

    Oh ja, ich kann das gut nachvollziehen… An den harten Fakten kann man sich einfacher festhalten, obwohl eigentlich loslassen angesagt wäre… 😉

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  2. Ines Polzin am

    Danke besonders für diesen Beitrag: Ich hatte sofort die Erinnerung an die neuen Räume einer Organisation und die Atmosphäre dort präsent. Ich konnte das gar nicht so genau beschreiben, denn spontan fühlte ich nur so etwas wie Enttäuschung, denn da war nix von Lebendigkeit. Aber alles blitzeblank, wohl auch teuer, aber bemerkenswert unbelebt.
    Meine Erfahrung ist, dass man gut erfasst, “welcher Wind wo weht” – oder auch eben nicht. Die “weichen Faktoren” schlagen knallhart zu Buche – und mir gefällt der Gedanke sehr, dass die digitale Transformation das Potential hat, mit dem allen kräftig aufzuräumen!

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  3. Torsten Radtke am

    Ja, an dieser Thematik ist mir mal ein Projekt für Wissensmanagement in der Sozialpsychiatrie gescheitert. Als meine innovative Leitungskolligin ging, war es vorbei. Die Angst vor Machtverlust innerhalb der Hierarchie war einfach zu groß. Deshalb geht es eben um neue Haltungen, wenn Institutionen den Wandel überleben wollen. Also weiter gehen und machen. Dank für deine Inspiration

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