4 plus 1 Wege, wie Du Zufälle bewusst herbeiführst

Zufälle sind in unserem Leben mehr als wichtig: Wir kommen auf neue Ideen, entwickeln zufällig neue Produkte, entdecken neue Kontinente oder verlieben uns sogar zufällig. Zufälle brauchen aber Optionen, Möglichkeiten, Begegnungen, die in der aktuellen Pandemie nicht so leicht herzustellen sind. Ein paar Möglichkeiten habe ich hier aber doch gesammelt...
Zufall

Inhalt:

Serendipity ist die Gabe, den Zufall oder besser: glückliche Zufälle, nutzbar machen zu können. Im Deutschen bezeichnet das Serendipitätsprinzip eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist, so Wikipedia.

Das Serendipitätsprinzip liegt vielen wichtigen Entdeckungen und Innovationen zugrunde, die unseren Alltag prägen, obwohl mit den Ursprungsideen etwas völlig anderes beabsichtigt wurde. Wikipedia listet den Klettverschluss, das Post-it, das Teflon, das Linoleum, das Silikon, die „Erfindung“ des Teebeutels, die Nylonstrümpfe oder auch die Entdeckung des LSD als Zufallsentdeckungen auf, die uns alle, genauso wie Amerika (ebenfalls zufällig und noch nicht mal durch Kolumbus entdeckt), irgendwie prägen.

Aus Sicht von Organisationen wird oftmals versucht, Zufälle auszuschließen und plan- und kontrollierbar vorzugehen. Der Taylorismus basiert darauf, Effizienz durch die Teilung der Arbeit in kleinste Einheiten zu ermöglichen, „zu deren Bewältigung keine oder nur geringe Denkvorgänge zu leisten und die aufgrund des geringen Umfangs bzw. Arbeitsinhalts schnell und repetitiv zu wiederholen sind“ (Gabler Wirtschaftslexikon). Da hat der Zufall gar keine Chance.

Spannend ist jedoch, dass ganz im Gegenteil dazu der Erfolg von Unternehmer*innen an der (bewussten) Nutzung des Zufalls hängt: Die Methode oder besser, Denkhaltung „Effectuation“ (die für mich gerade in Krisensituationen hilfreich ist), beschreibt als ein Prinzip explizit, dass der Zufall in komplexen und unsicheren Situationen genutzt werden muss, um weiter zu kommen. Im Gegensatz zum „planvollen“ Vorgehen wird gar nicht erst versucht, Zufälle oder Überraschungen auszuschließen oder zu minimieren. Vielmehr stellt sich die Frage, wie Zufälle geschickt genutzt werden können. Die Beispiele oben zeigen, was dann entstehen kann.

Zufällig leben

Mir geht es so, dass ich viele meiner Beiträge, Ideen, Projekte, Entwicklungen ebenfalls auf zufällige Begegnungen, Entdeckungen und oftmals auch einfach auf Glück zurückführen kann:

Warum habe ich mit dem Bloggen begonnen? Weil ich Thomas Mampel über den digitalen Weg gestolpert bin. Warum habe ich begonnen, mich mit dem Thema Organisationsentwicklung zu befassen? Weil ich zufällig die erste Version von Reinventing Organizations gratis runterladen und lesen konnte (und im Nachgang dafür bezahlt habe). Warum beschäftige ich mich mit sozialen Organisationen? Weil ich irgendwann mal Soziale Arbeit studiert habe. Warum das? Weil Kumpels von mir ein WG-Zimmer in Freiburg frei hatten…

Das ließe sich jetzt in die Vergangenheit fortsetzen. Rückblickend kann ich dann meinen Lebenslauf mit einer stringent erscheinenden Sinnhaftigkeit aufladen, auch wenn er eigentlich auf Zufällen beruht. Dir wird es mit Blick auf deinen Weg wahrscheinlich ähnlich gehen: Im Rückblick sieht es passend aus, aber ehrlich gesagt haben meist zufällige Begegnungen, Situationen und Entscheidungen zu neuen Entwicklungen geführt.

Zufällig arbeiten

Und die Organisation, für die Du tätig bist, wird sich ebenfalls oftmals zufällig in diese oder jene Richtung entwickelt haben, obwohl rückblickend andere Geschichten erzählt werden, oder? Da gibt es das Angebot, ein neues Gebäude anzumieten, wodurch neuer, offener, ungenutzter Raum entsteht, der sich zufällig füllt. Da gibt es die neue Mitarbeiterin, die das Thema Diversity vorantreibt und im Unternehmen einbringt, wodurch sich zufällig neue Wege in der Rekrutierung von Personal ergeben, wodurch sich ein neues Geschäftsfeld auftut usw…

Keine Zufälle mehr?

Ein Problem aktuell ist aber, dass wir es (immer noch) auf der einen Seite mit hochgradiger Instabilität und damit offenen Systemgrenzen zu tun haben: In der Krise haben neue Ideen, Wandel, Veränderung und damit Innovationen enorm gute Chancen, erfolgreich umgesetzt zu werden. Aus meiner individuellen Perspektive: Wer hätte gedacht, dass ich für die Waldorfschule mal Zoom einrichten oder einen Visionsentwicklungsprozess mit 150 Teilnehmer* innen eines Gymnasiums begleiten darf? Und aus einer größeren Perspektive: Wer hätte gedacht, dass das Konzept Büro selbst in den tradiertesten Unternehmen zumindest infrage gestellt wird oder die digitale Transformation im Sozialwesen nicht mehr eine Idee verrückter Spinner ist? Festivals wie die # ArtSocial21 zeigen, dass offene Grenzen und Instabilität genutzt werden können, um gemeinsam Neues zu bewegen.

Auf der anderen Seite jedoch merke ich, dass die aktuelle Situation der Fokussierung auf Arbeit und Zuhause Zufälligkeit reduziert: Begegnungen, die zu neuen, zufälligen Ideen führen, Gespräche, im Zug, beim Bier am Abend, mit neuen Menschen, Kultur, Filme, Musik… (Fast) alles nicht möglich. Vor kurzem habe ich in einem Podcast gehört, dass die starken Verbindungen von Menschen in einem Team im Zuge der Pandemie stärker, die schwachen Verbindungen jedoch schwächer werden. Man umgibt sich mit den Menschen, die einem schon vorher nahestanden. Oftmals sind es aber genau die schwachen Verbindungen, die „weak ties“ – die zu neuen Ideen, Möglichkeiten und neuen Verbindungen führen, oder?

Wenn also Zufälle für die Entwicklung von Menschen und von Organisationen wichtig sind, stellt sich die Frage:

Wie gelingt es, Zufälligkeit bewusst zu erzeugen, die dann zu Innovation wird?

Dazu hoffe ich, Dir hier ein paar Hinweise geben zu können (die ich dann selbst nutze 😉

Vielleicht brauchst Du gerade ja nur eine Zahl, die zufällig generiert sein soll? Dann teste doch mal den Zufallsgenerator. Das reicht jedoch nicht immer… 😉

Und klar, neue Bücher, Podcasts, Musik, neue Wege beim Spaziergang, neue Sportarten, das Lernen eines Musikinstruments oder das anlass- (aber nicht grenzenlose) Surfen im Netz helfen oftmals, neue Ideen, Sichtweisen zu entwickeln. Ruhe, Meditation, Yoga im Wechsel mit Sport, Anspannung und Entspannung… Ich habe das Gefühl (und es ist mein Gefühl, ganz subjektiv), dass selbst Twitter langsam ruhiger wird, vielleicht hervorgerufen durch weniger neue Begegnungen, Ideen, Befruchtungen…?

Zufall durch Offenheit

Grundlegend hilfreich ist es aus meiner Perspektive, die angesprochene und oftmals (noch) spürbare Offenheit der Systemgrenzen trotz aller damit einhergehenden Anstrengungen nicht zwanghaft schließen zu wollen (aka „zurück zu dem, was vorher war“). Es gilt vielmehr, die Unsicherheit auszuhalten und nachzuspüren, was aktuell passiert und welche Änderungen daraus hervorgehen wollen. Das wiederum setzt voraus, die sowieso kaum vorhandene Kontrolle abzugeben. Wichtig dabei ist jedoch, nicht eine „Is‘ mir egal“ Haltung an den Tag zu legen, sondern Kontrolle bewusst aufzugeben und aufmerksam zu beobachten, was passiert.

Zufall durch Reflexion

Daraus kann resultieren, dass auf den ersten Blick negative Situationen, Fehler und Missgeschicke auf den zweiten Blick den Schritt in die Richtung bringen, die öffnend und weiterführend ist. Wie beschrieben gilt es jedoch, mit offenen Augen und offenem Herzen bewusst dorthin zu spüren, um dann den Zufall nutzen zu können und den Zufall nicht als Fehler abzutun. Das Hinspüren, Abwarten und Hoffen braucht manchmal Geduld (nicht meine Stärke). Im Team hilft es, Entwicklungen in Retrospektiven nachzuspüren: Was lief richtig gut, was sollte unbedingt beibehalten werden, was muss weg? Für mehr Ideen solltest Du mal beim Retromat vorbeischauen.

Zufall durch Gespräche

Über einen weiteren, interessanten Ansatz bin ich bei Sebastian Zwingmann im Beitrag „Anlasslos im März“ gestolpert. Er schreibt darin, dass er „die Flurgespräche, Kaffeeküchentalks, das Warm-Up bei Meetups & Co, das lockere Unterhalten mit Freunden“ vermisst. Sebastian hat als Lösung einfach einen Kalender in Netz gestellt, auf dem man sich einen Termin zum anlasslosen Quatschen mit ihm buchen kann. Falls Du mal Lust hast, schreib ihn doch einfach mal an:

Zufall durch neue Fragen

Und ebenfalls für die Erzeugung von Zufällen und damit neuen Ideen hilfreich fand ich den Hinweis von Kathrin Bischoff (via Twitter): Sie nutzt für ihr Team das (auch von mir sehr geschätzte) Tool www.tscheck.in“, um im Team, bspw. Zum Start der Teamsitzung, „random Fragen“ zu beantworten.

Oder mit wem würdest Du gerne immer mal wieder deinen Job tauschen? 😉

Zufall durch Utopien

Wahrscheinlich gelingt es auch, zufällig auf neue Ideen zu stoßen, in dem Du Dich mit Utopien beschäftigst. Denn mal ehrlich: Irgendwie fehlt uns (als Gesellschaft, Organisation, Team und Individuum) doch oftmals die Richtung, in die es zukünftig gehen könnte, oder? Was ist die größere Ideen hinter allem? Wir leben in Systemen, die wir im Wesentlichen nicht verstehen, deren Ideen aber oftmals Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte alt sind (Schulsystem, zum Beispiel, oder die Prinzipien, die unserer Arbeitswelt zugrunde liegen.

Aber wie sähe es aus, wenn es anders wäre? Wirklich anders. Nicht „out of the box“, sondern „without box“. Und was kannst Du davon in Deine Verantwortungsbereiche (Privatleben, Familie, Freunde, Arbeit…) übertragen?

Vor Kurzem bin ich auf die Utopie Konferenz an der Leuphana Universität Lüneburg gestoßen. Schau doch mal im „Utopie-Studio“ vorbei, das von der großartigen Maja Göpel und Richard David Precht moderiert wird. Sowas geht nämlich jetzt mal eben so, und vielleicht gibt es dadurch ja auch neue Zufälle in Deinem Leben?

Zufall als Teil des Unternehmertums

Das Konzept Serendipity, die Nutzung der Zufälle, hat – wie oben schon beim Konzept Effectuation angedeutet – viel mit einer unternehmerischen Grundhaltung zu tun, die wir heute und in Zukunft aus meiner Perspektive dringend benötigen.

Mit der unternehmerischen Grundhaltung meine ich die Übernahme von Verantwortung, die Ermöglichung und Umsetzung von Innovation, das Erlernen von Unsicherheitsbewältigungskompetenz – für jeden einzelnen von uns, für jedes Unternehmen und für die Gesellschaft als Ganzes.

Denn die Corona-Pandemie, die auch als als Stapelkrise verstanden werden kann, war sicher nicht die letzte Krise, der wir uns stellen müssen.

Aber genau das ist dieses „unternehmerische Handeln“, das wir uns auch in sozialen Organisationen so wünschen: Anders an Probleme herangehen, die Menschen positiv darin unterstützen, das zu finden und entfalten zu können, was sie wirklich, wirklich tun wollen und nicht trotz, sondern gerade aus den sich ergebenden Zufällen heraus eine lebenswerte Zukunft gestalten.


P.S.: Wie erzeugst Du Zufälle?

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3 comments on “4 plus 1 Wege, wie Du Zufälle bewusst herbeiführst

  1. Thorsten Wilhelm am

    Ich finde Coworking Spaces – die überwiegend von Menschen genutzt werden, die viele, unterschiedliche Plätze zum Arbeiten haben (bzw. haben dürfen) und nutzen – sehr inspirierend.
    Ausgestattet mit Begegnung- und Treffpunkten, vielen offenen Räumen zu flexiblen Arbeiten, bieten sie oft ein passendes Umfeld um mit anderen ins Gespräch zu kommen und jene „zufälligen Momente“ zu schaffen, die Impulse bieten können.
    Klassische Büros – immer öfter ausgestattet wie ein Coworking Space, mit Räumen zur Fokusarbeit, Workshop-/Besprechungsräumen und Begegnungsflächen (Lounge) – bieten weit weniger „zufällige Begegnungen“. Die Fluktuation der sie nutzenden Menschen ist einfach deutlich geringer – zum Glück :).
    Ich denke der Mix ist hier entscheidend, und die Möglichkeit sich seine Arbeitsorte selbst wählen zu dürfen (Home Office, Büro, Coworking Space, Wohnwagen / Ferienwohnung auf Reisen, Zug, Café, …). Auch und vielleicht gerade als Angestellte / Angestellter.

    Antworten
    • HendrikEpe am

      Sehr schönes Feedback! Dann ke dafür und ja, genau! Problem war eben nur, dass Begegnungen in der Pandemie nicht stattfinden durften! Ansonsten aber volle Zustimmung!

      Antworten
  2. Sebastian am

    Danke für die schöne Aufstellung und jede Menge Fakten :-), toll das mein Blogpost hier auch Erwähnung fand (doppelfreu)
    Zufall? Dem Zufall helfe ich bei mir zu „landen“, in dem ich Achtsam bin – das betrifft besonders das zuhören (was nicht immer ideal klappt) als auch das bewusste bewegen aus der Komfortzone.
    Ich liebe es mich mit Menschen auszutauschen, deren Sichtweise einzunehmen.
    Auch probiere ich gerne aus und scheitere schnell, manchmal auch zu früh 🙁

    Manchmal ist der Zufall aber nur zur richtigen Zeit da bzw. Der Gesprächspartner/ das Event / der SoMe Beitrag.
    Wir müssen einfach nur offen sein —

    Antworten

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